Ausgerechnet ein Leitsatz des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk wurde ihm zum Verhängnis. "Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt", hatte der Journalist Aydın Engin das bis heute gültige Motto der türkischen Außenpolitik in seiner Kolumne in der Cumhuriyet zitiert. Gleichzeitig kritisierte er, dass es im Land selbst nicht friedlich zugehe. Denn im Südosten des Landes würden bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. "Wo ist der innere Frieden in der Türkei?", fragte er.

Der Text erschien wenige Tage vor dem vereitelten Putschversuch am 15. Juli vergangenen Jahres. Der sogenannte Friedensrat, der in dieser Nacht seine Machtübernahme erklärte, bediente sich der zweiten Hälfte des Spruchs – für den Staatsanwalt ein Zeichen, dass Engin von dem Putsch gewusst haben muss. "Absurd" und "langweilig" nennt der Journalist die Vorwürfe. "Am Montag muss ich auf diese Absurditäten antworten." 

Am Montag beginnt in Istanbul der Prozess gegen insgesamt 17 Journalisten und Mitarbeiter der türkischen regierungskritischen Tageszeitung Cumhuriyet, elf von ihnen sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft. Der 76-jährige Engin wurde im vergangenen November wegen seines Alters nach fünf Tagen Untersuchungshaft entlassen. Seinen Humor hat er nicht verloren: "Für mich war das wie Urlau – kein Handy, keine Zeitungen, ich konnte schlafen, wann immer ich wollte." Die Angeklagten stehen nun gemeinsam vor dem Richter, "endlich", so Engin. Für Freitag wird ein Urteil darüber erwartet, ob die inhaftierten Kollegen aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Wann ein endgültiges Urteil kommt, ist ungewiss. 

Den Journalisten wird in der Anklage unter anderem Unterstützung oder Mitgliedschaft in der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, der linksextremistischen DHKP-C oder der Fethullah-Gülen-Bewegung vorgeworfen, die die türkische Führung für den Putschversuch verantwortlich macht. Den Journalisten drohen bis zu 43 Jahre Haft. Engin muss lachen, wenn er nach der Anklage gefragt wird. Die Gülen-Gemeinde und die PKK seien Erzfeinde, man könne unmöglich Unterstützer beider sein. 

Unter den Beschuldigten befindet sich auch der ehemalige Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar. Dieser wurde bereits vor dem Putsch wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, er lebt mittlerweile im Exil in Berlin. Die Anschuldigungen gegen Dündar gehen in der Türkei derweil weiter: Einen Tag nachdem Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Neuausrichtung der Türkei-Politik angekündigt hatte, berichtete die regierungsnahe Tageszeitung Akşam, dass Dündar hinter den angeblichen Spionagetätigkeiten von ausländischen Menschenrechtsorganisationen in der Türkei stecken würde. Der Journalist habe Aktivisten Unterlagen zur Verfügung gestellt, schrieb die Akşam – dazu ein großes Foto eines lächelnden Can Dündars.