In Venezuela haben mutmaßliche Regierungsanhänger das Parlament gestürmt und mindestens fünf Abgeordnete verletzt. Dutzende teils maskierte Angreifer drangen zunächst in die Gärten des Parlaments ein und warfen Feuerwerkskörper, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP beobachteten. Später sollen die Angreifer in das Innere des Gebäudes eingedrungen sein und mit Stöcken auf oppositionelle Parlamentarier eingeschlagen haben.

Die Opposition stellt die Mehrheit der Abgeordneten im Parlament in der Hauptstadt Caracas. Präsident Maduro versucht, mit Dekreten am Parlament vorbeizuregieren. Die Volksvertreter hatten sich zum Zeitpunkt des Angriffs zu einer Sondersitzung versammelt, aus Anlass des Nationalfeiertags, der an die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien im Jahr 1811 erinnert.

Auf Bildern war zu sehen, wie der Abgeordnete Armando Armas blutüberströmt behandelt werden musste. "Heute hat die Diktatur versucht, die Souveränität des Volkes anzugreifen", schrieb er auf Twitter. Der Kampf für Freiheit und Demokratie werde weitergehen. "Die Regierung setzt immer wieder Gewalt ein", sagte der Oppositionsabgeordnete Stalin González. "Wir werden uns diesen Wilden weiter entgegenstellen", kündigte sein Kollege Simón Calzadilla an.

Im Machtkampf zwischen Regierung und Opposition kommt es seit Anfang April beinahe täglich zu Protesten gegen Staatschef Nicolás Maduro. 91 Menschen kamen seither ums Leben, mehr als tausend weitere wurden verletzt. Laut Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Diáz wird inzwischen gegen 4.658 Personen beider Lager wegen der Todesfälle, aber auch wegen Verletzungen und Sachbeschädigungen ermittelt. Für eine Vielzahl der Opfer werden Sicherheitskräfte der Regierung verantwortlich gemacht, vor allem die militarisierte Polizei Guardia Nacional.

Die Sozialistin Ortega Diáz ist zur Gegenspielerin ihres Parteikollegen Maduro geworden und kritisiert das harte Vorgehen gegen die Demonstranten. Der von Maduro-Getreuen dominierte Oberste Gerichtshof will in Kürze über die Absetzung von Ortega Diáz entscheiden, die Verfahren gegen die Chefs der Nationalgarde und des Geheimdienstes eingeleitet hat. Ihre Absetzung könnte die Lage endgültig eskalieren lassen, viele fürchten inzwischen einen Bürgerkrieg.

Die Proteste hatten sich an der zeitweisen Entmachtung des Parlaments durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs entzündet. Das Oppositionsbündnis "Mesa de la Unidad Democratica" hatte Ende 2015 die Parlamentswahl klar gewonnen. Die konservative Opposition kämpft für eine Amtsenthebung Maduros, den sie für die schwere Wirtschaftskrise und die dramatischen Versorgungsengpässe im Land verantwortlich macht. Der sozialistische Präsident hingegen beschuldigt die Regierungsgegner, mit Unterstützung der USA einen Staatsstreich gegen ihn zu planen.