Lange hat Anthony Scaramucci im Weißen Haus des Donald Trump nicht überdauert, gerade einmal so lange, "wie die Milch nicht verdirbt", wie der Kurzzeit-Regierungssprecher in der Talkshow von Stephen Colbert witzelte. Doch die zehn Tage im Amt reichten Scaramucci aus, um eine Kostprobe dessen zu bekommen, was hinter der neoklassischen Fassade von Hausnummer 1600 der Pennsylvania Avenue abläuft.

"Ich kann Ihnen nur sagen, dass dort jeder jedem den Dolch in den Rücken sticht", offenbarte der Geschasste. "Einen Korpsgeist gibt es in dieser Regierung nicht." Genauer wollte Scaramucci diese nicht sehr überraschende Beobachtung zunächst nicht ausführen, doch schließlich rückte er damit heraus, wo aus seiner Sicht das Problem liegt: "Steve Bannon hintergeht den Präsidenten ständig."

Scaramucci ist nicht der Einzige, der mutmaßt, dass Trumps Chefstratege mit Hinterzimmermanövern versucht, seine Machtposition zu festigen und den Präsidenten in seinem nationalistischen Sinne zu manipulieren. So analysierte das Portal Slate mehrere "anonyme" Lecks aus dem Weißen Haus auf ihren rhetorischen Stil hin und kam zu dem Schluss, dass diverse strategische Indiskretionen aus dem West Wing nur von Bannon stammen können. 

Mehr Handlungsspielräume bleiben Bannon, der sich selbst gern als "satanischen Berater" Trumps stilisiert, außer solchen Manövern auch kaum noch. "Bannon ist kaltgestellt", sagt Jacob Heilbrunn, Chefredakteur des neokonservativen Debattenmagazins The National Interest, das direkte Verbindungen in die konservativen Kreise von Washington unterhält. 

Als Beleg für den schwindenden Einfluss jenes Mannes, der mal als der wahre Lenker der US-Regierung galt, sehen Heilbrunn und Scaramucci das Wendemanöver Trumps nach dem Terrorakt von Charlottesville. Trumps verspätete Verurteilung von Rassismus und rechtsextremer Ideologie war demnach eindeutig ein Kotau vor dem neuen Stabschef im Weißen Haus, John Kelly.

Der ehemalige Marinegeneral Kelly versucht, Ordnung in Trumps inneren Führungszirkel zu bringen und hat von Anfang an deutlich gemacht, dass er keine Schattenregierung Bannons dulden wird. Die ultranationalistische Fraktion um Bannon und seinen Ex-Kollegen beim Hetzportal Breitbart News, Sebastian Gorka, dürfte unter Kellys Ägide im Weißen Haus keinen Platz mehr haben.

Nach Einschätzung Heilbrunns und anderer Regierungsquellen steht Bannon kurz vor dem Aus. "Ich glaube nicht, dass er die kommende Woche überleben wird", meint Heilbrunn. Die Vorgänge rund um Charlottesville hätten Bannon untragbar gemacht. "Wenn Trump auch nur die geringste Chance haben will, seine Agenda durchzusetzen, dann muss er sich von diesen Leuten lösen."