Was für eine gewaltige Fehlkalkulation: Im Frühjahr noch war sich die chinesische Führung sicher, sie habe Donald Trump fest im Griff. Nachdem der wankelmütige US-Präsident gleich zu Beginn seiner Amtszeit heftig gegen Chinas Handelspolitik gewettert hatte, schien er nach der ersten Zusammenkunft mit Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping auf Trumps Domizil Mar-a-Lago in Florida besänftigt. Xi hatte ihm – wenn auch nur mündlich – eine Reihe von Zugeständnissen in Aussicht gestellt.

Doch dann attackiert der US-Präsident die zweitgrößte Volkswirtschaft zugleich größten Gläubiger der USA erneut. Zu Beginn der Woche kündigte Trump an, China wegen des Verdachts von Diebstahl geistigen Eigentums oder des Zwangs zum Technologietransfer stärker ins Visier zu nehmen. Auch Chinas Handel mit Nordkorea ist Trump auch weiter ein Dorn im Auge.

Dabei hatte Chinas Führung vergangene Woche nach wochenlangem Ringen im UN-Sicherheitsrat den bislang schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt. Nachdem der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un mit einem Angriff auf die US-Pazifik-Insel Guam gedroht und zwischenzeitlich auch konkrete Pläne vorgelegt hatte, bekräftigte Chinas Außenminister Wang Yi, die Sanktionen wirklich umzusetzen.

Im Oktober ist ein großer Parteitag

Das versteht sich eigentlich von selbst, aber war – wie Trump zu Recht kritisiert – in der Vergangenheit aber nicht immer der Fall. Die chinesische Regierung hatte schon häufig schärferen Maßnahmen gegen Nordkorea zugestimmt, an die sich chinesische Händler und Zollbeamte an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze dann aber doch nicht hielten. Nordkorea hat so etwa 90 Prozent seines Außenhandels mit China bestritten.

Doch dieses Mal klingt es so, als ob die chinesische Regierung es Ernst meint. Obwohl Kim seine Angriffspläne auf Guam zunächst wieder zurückzog, kappte China am Dienstag tatsächlich die Einfuhr von Kohle, Eisenerz, Blei und Meeresfürchten aus Nordkorea.

In Richtung USA wird gleichzeitig Kritik geäußert: "Undank ist der Weltenlohn", heißt es aus Regierungskreisen in Peking. Die USA sollten die gegenwärtigen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu schätzen wissen, mokiert sich das chinesische Handelsministerium. Jeder Protektionismus durch die USA werde beiden Seiten schaden. Und weiter: "Wenn die USA die Fakten und die Regeln des multilateralen Handels nicht respektieren und Maßnahmen ergreifen, die den Wirtschafts- und Handelsbeziehungen schaden, wird China nicht tatenlos zusehen, sondern angemessene Maßnahmen ergreifen, um die legitimen Rechte und Interessen Chinas zu schützen."

Die aktuelle Krise um Nordkorea kommt Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping gar nicht gelegen. Im Oktober findet der nur alle fünf Jahre stattfindende Kongress der Kommunistischen Partei statt. Xis Amt dürfte unangetastet bleiben, die seines Premiers Li Keqiang auch. Der Rest des derzeit siebenköpfigen Ständigen Ausschusses des Politbüros, Chinas mächstigstem Gremium, dürfte altersbedingt ausgetauscht werden. Und Xi setzt derzeit alles daran, die frei werdenden Plätze mit seinen Getreuen zu besetzen. Das ist keineswegs leicht für ihn. Auch wenn er sich nicht dem Votum eines ganzes Volkes stellen muss, so doch zumindest der Elite einer Partei, die mit über 80 Millionen Mitgliedern die größte der Welt ist.

Eine bewaffnete Auseinandersetzung vor der Haustür könnte nicht nur den Ablauf des bis ins Detail inszenierten Parteikongresses der chinesischen Führung durcheinanderbringen. Sie würde das Scheitern der chinesischen Nordkorea-Politik zutage fördern.