Donald Trump fühlte sich sichtlich wohl. "Was für eine Menge", rief der US-Präsident in die prall gefüllte Halle und drehte noch einmal eine kleine Runde über die Bühne, um den Moment auch wirklich auszukosten. Trump war, fern von der politischen Realität Washingtons, endlich wieder in seinem Element.

Dass er genau jetzt in die Wüstenstadt Phoenix gekommen war, war kein Zufall. Die Umfragewerte liegen mit weniger als 40 Prozent auf einem Tiefstand. Seit den Ausschreitungen in Charlottesville haben sich Teile der eigenen Partei genauso abgewandt wie Unternehmensführer. Immer dann, wenn der Präsident sich besonders in der Kritik der Öffentlichkeit sehe und die Einsamkeit im politischen Washington zu groß werde, suche er die Nähe seiner Unterstützer, hatte die Washington Post vor dem Auftritt in Phoenix festgestellt.

Der Präsident weiß, dass er in Phoenix einen Heimvorteil hat. Hier, in der Wüste Arizonas, hatte Trump seine erste große Wahlkampfrede gehalten. Damals hatte die Begeisterung seiner Anhänger und die schiere Menge an Besuchern nicht nur Medien und Kontrahenten überrascht. Das Wahlkampfteam hatte die Veranstaltung angesichts der Zahl an Voranmeldungen kurzfristig noch einmal in eine größere Halle verlegen müssen. Trump sorgte mit seinen Äußerungen zu Einwanderung zum ersten Mal für Entsetzen bei seinen Gegnern – und für Begeisterung bei dem Kern seiner Unterstützer. Nun ist er zurück, es ist bereits die achte Wahlkampfveranstaltung seit der Amtsübernahme. Und wieder warteten im Convention Center in der Innenstadt Tausende Unterstützer auf ihren Präsidenten.

Trump ignoriert den Teleprompter

Die Menge in Phoenix erwies sich erneut als die verlässliche Quelle der Zuneigung, für die Trump angereist war. Für Trump wurde der Abend in Arizona zum emotionalen Befreiungsschlag. In den ersten Minuten versuchte sich der Präsident als Brückenbauer für ein Land zu präsentieren, das im Patriotismus vereint ist. Doch Trump wurde das enge Korsett, das der Teleprompter vorgab, schnell lästig. Was folgte, war ein anderthalbstündiger Frontalangriff auf seine Feinde in den Medien und in Washington sowie eine Feier seiner vermeintlichen Erfolge, die das Establishment ignoriere. Wie passend, dass ihm die Journalisten in Phoenix direkt gegenübersaßen.

Die Medien hätten sich geweigert, darüber zu berichten, wie er mit deutlichen Worten Rassismus und Hass verurteilt habe, beschwerte er sich. Die Anhänger hinter ihm lieferten zuverlässig ausgiebige Buhrufe in Richtung Presseloge. Zum Beweis für die angeblich unfaire Behandlung hatte Trump drei Stellungnahmen aus den Tagen nach Charlottesville dabei. Allerdings: Genau jene Abschnitte, in denen er die Schuld auf alle Seiten verteilt und die ihm Kritik selbst von den Republikanern eingebracht hatten, lies er aus. Stattdessen warf er seinen Gegnern im Verlauf des Abends immer wieder vor, die "Geschichte unseres Landes" zerstören zu wollen – ein Argument, das auch die Sprecher der weißen Nationalisten und Nazis immer wieder verwenden.

Trump deutete zudem an, einen Sheriff aus Arizona begnadigen zu wollen, der im Juli für rassistisch motivierte Festnahmen verurteilt worden war. "Ich kann es hier nicht offiziell sagen, aber ich glaube, Joe muss sich keine Sorgen machen." Kritiker hatten das Vorhaben als Sympathiebekundung in Richtung der weißen Nationalisten bezeichnet.

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In den Medien, das stellte Trump klar, sieht er noch immer das größte Hindernis für die Durchsetzung seiner Vision. Immer wieder warf er den anwesenden Journalisten vor, seine Erfolge zu ignorieren und die Kritik an seiner Politik künstlich aufzublasen. Dabei wirkte er wie ein Wrestler, der noch einmal durch den Ring schreitet und das Publikum auffordert, ihn anzufeuern, bevor er den Gegner mit dem entscheidenden Griff zur Aufgabe zwingt. Er höre immer von der sogenannten Elite, sagte er später. "Dabei war ich auf besseren Schulen und hatte bessere Noten, außerdem lebe ich in einem besseren und schöneren Apartment." Dass der US-Präsident mit der Menge in dem Zusammenhang nur wenig gemein hat, schien in Phoenix niemanden zu stören. Solange der gemeinsame Feind klar ist. Als Trump ein Kameralicht sah, das gerade erlosch, warf er dem Team vor, die Übertragung abzubrechen, weil sie ihnen nicht gefalle.

Bürgermeister von Phoenix gegen Trumps Auftritt

Trumps erneute Anwesenheit in der Wüste Arizonas ist alles andere als unumstritten. Vor der Halle hatten sich schon tagsüber Tausende Demonstranten versammelt, um gegen ihn zu protestieren. Der Bürgermeister von Phoenix, Greg Stanton, hatte den Präsidenten aufgefordert, den Auftritt zu verschieben. "Amerika trauert. Und es trauert vor allem, weil Trump Öl in das Feuer der Spannungen zwischen den Rassen gegossen hat. Ich fürchte, mit seinem Besuch am Dienstag könnte der Präsident endgültig ein Streichholz entzünden", teilte Stanton mit. Trump wollte von dieser Kontroverse am Abend nichts wissen. Der Secret Service habe ihm gesagt, draußen seien nicht besonders viele Leute, sagte Trump. "Es ist ihnen wahrscheinlich zu heiß."

Die eigene Bilanz präsentierte er der Menge drinnen als einzigen großen politischen Erfolg. Die Rückkehr der Kohle, die Abschaffung von lästigen Umweltauflagen, die niedrige Arbeitslosenquote und den Boom an der Wall Street: Alles wurde an diesem Abend im Sinne der eigenen Großartigkeit uminterpretiert. Mehr als 50 Gesetze habe er unterschrieben und sei damit der erfolgreichste Präsident in der Geschichte des Landes, doch natürlich ignorierten die Medien auch das. Dass der Großteil davon kleine Nachbesserungen ohne ernsthafte politische Tragweite und einem Konsens auf beiden Seiten waren, erwähnte er nicht.