Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die türkischstämmigen Wähler in Deutschland aufgerufen, bei der Bundestagswahl nicht für die CDU, die SPD oder die Grünen zu stimmen. Vielmehr sollten sie am 24. September für Parteien stimmen, die die angeblich "antitürkische Politik " in Deutschland nicht mittragen, sagte Erdoğan laut der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Welche das seiner Ansicht nach sind, sagte Erdoğan nicht.

Erdoğan warf den drei Parteien vor, durch die "Schädigung der Türkei" Wähler gewinnen zu wollen. "Ich rufe daher alle meine Bürger in Deutschland auf, sie niemals zu unterstützen. Weder die CDU, noch die SPD oder die Grünen. Sie sind alle Feinde der Türkei", sagte der türkische Präsident. Es handele sich dabei "für meine Bürger in Deutschland" um eine Frage "der Ehre".

Die Äußerungen führten zu starker Kritik aus Deutschland. "Wir verbitten uns jede Art von Einmischung", twitterte Regierungssprecher Steffen Seibert im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Jeder Staatsbürger habe ein freies Wahlrecht

"Das ist ein bislang einmaliger Akt des Eingriffs in die Souveränität unseres Landes", sagte Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Mit seinem Vorgehen zeige Erdoğan, "dass er die Menschen in Deutschland gegeneinander aufhetzen will." Die Wähler sollten dieser Forderung entgegentreten. "Zeigen wir denen, die uns gegeneinander ausspielen wollen, dass wir dieses böse Spiel nicht mitmachen."

 SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz warf Erdoğan vor, jedes Maß verloren zu haben. "Umso mehr stehen wir an der Seite all derer, die für eine freiheitliche und demokratische Türkei kämpfen", twitterte Schulz.

Forderung nach Auslieferung

Zugleich forderte Erdoğan die Bundesrepublik erneut auf, mutmaßliche Putschisten auszuliefern. Genauso wie Deutschland seine Bürger "von uns zurückhaben möchte", erwarte die Türkei, die sich in Deutschland aufhaltenden Terroristen ausgehändigt zu bekommen. Deutschland wolle "Kriminelle" zurückhaben, sagte Erdoğan über die deutschen Staatsbürger, die in der Türkei in Gefängnissen sitzen.

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland sind angespannt. Die türkische Regierung provozierte mit Nazivergleichen, Druck auf deutsche Einrichtungen in der Türkei und willkürlicher Verhaftung von deutschen Bürgern. Zuletzt eskalierte der Streit, nachdem der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner in der Türkei festgenommen worden war. Die Bundesregierung hatte daraufhin die Reisehinweise verschärft und der Türkei Investitionsbürgschaften entzogen. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte außerdem in einem offenen Brief an türkischstämmige Deutsche geschrieben, dass sich die Kritik am türkischen Staat nicht gegen sie richte.