Am Ende konnten die Verfemten doch noch fahren. Tausende Katarer bestürmten in den vergangenen Tagen die Hotlines des saudischen Hadsch-Ministeriums. Sie wollten wissen, ob sie nun als Pilger willkommen sind oder nicht. Am Ende durften rund 1.000 Autos den Grenzübergang Salwa in Richtung Mekka passieren, weitere 1.500 Wallfahrer wurden mit saudischen Sondermaschinen aus Doha abgeholt. Katar Airways dagegen durfte seine Landsleute nicht nach Dschidda bringen, für die Airline des superreichen Emirates gab es keine Lockerung beim Boykott der drei Golfnachbarn plus Ägypten.

Vor dem Pilgerfest in Mekka waren wieder einmal die Fetzen geflogen. Diesmal krachte es im eigenen Haus, und Saudi-Arabien knöpfte sich den kleinen Nachbarn Katar vor. Im Jahr davor schallte der Krieg der Worte quer über den Golf, beharkte sich das sunnitische Königreich mit seinem schiitischen Erzrivalen Iran. Damals blieb die Islamische Republik zum ersten Mal seit Jahrzehnten dem Hadsch fern, nicht zuletzt weil im September 2015 Hunderte persische Pilger bei einer Massenpanik ums Leben gekommen waren. Und so offenbart bisher jede Mekka-Wallfahrt unter der Führung von König Salman und seinem forschen Sohn Mohammed bin Salman neue Zerwürfnisse und Probleme – und fungiert gleichzeitig als gigantischer Spiegel für den Zustand der nahöstlichen Welt.

Bereits wenige Monate nach dem Machtantritt des Vater-Sohn-Königsduos im Januar 2015 erlebte Mekka die größte Pilgerkatastrophe der Moderne. Mindestens 2.500 Menschen fanden den Tod, als es in Mina zu einer Massenpanik kam. Längst ist alles unter den Teppich gekehrt. Wer aus dem Kreis der sogenannten Hüter der beiden heiligsten Stätten des Islam für diese tödliche Katastrophe verantwortlich war, wird die Welt wohl nie erfahren. Zwar wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, doch Ergebnisse hat sie keine produziert. Denn Fehler zu analysieren und einzugestehen, Schuldige zu benennen und Konsequenzen zu ziehen, gehört weder in Saudi-Arabien noch in den übrigen Nationen der arabischen Welt zum Repertoire staatlichen Handelns.

Das Wohl des Ganzen gerät aus den Augen

Damit fehlt allen diesen Ländern ein zentraler Antrieb für gesellschaftlichen Fortschritt, die Fähigkeit zu Selbstkritik und Selbstkorrektur, die Fähigkeit zu Transparenz und guter Regierungsführung. Stattdessen greift man in das unerschöpfliche Reservoir von Verschwörungstheorien, sucht Schuldige jenseits der eigenen Landesgrenzen im angeblich abgekarteten Spiel ausländischer Geheimdienste, bei den USA, Israel oder wer sonst so gerade zur Hand ist. Eine moderne Bürgergesellschaft, die Verantwortung einfordert, Willkür anprangert und ihre Despoten in die Schranken weist, dagegen existiert in praktisch keinem der 22 arabischen Staaten.

Opposition gegen die Machtelite gilt als Majestätsbeleidigung und wird erbarmungslos geahndet. Bis in den letzten Winkel halten die absurd überdimensionierten Staatsapparate und Geheimdienste das öffentliche Leben in Schach und machen jeden mundtot oder auch richtig tot, der sich gegen diese fugendichte Machtmaschine auflehnt. Kein Wunder, dass in solch einer staatlich aufgezwungenen apolitischen Privatheit jeder nur noch seinen eigenen Vorteil sucht – so gut er kann und so weit sein Radius reicht. Das Wohl des Ganzen gerät aus den Augen. Entsprechend heruntergekommen und zugemüllt sieht der öffentliche Raum in den arabischen Ländern aus – die Städte, die Dörfer, die Straßen, die öffentlichen Strände und die Felder.

Dieses chronische Defizit an zivilem Geist bildet zugleich den Resonanzboden für die immer weiter steigende Zahl politischer und kriegerischer Konflikte. Bürgerkriege zerstören den Jemen, den Irak, Syrien und Libyen. Millionen Menschen irren als Vertriebene umher, die arabische Welt zeichnet inzwischen für fast zwei Drittel aller Flüchtlinge weltweit verantwortlich. Niemand weiß, wie diese Staaten in absehbarer Zeit wieder auf die Beine kommen sollen. Aber auch der Gegensatz von Schiiten und Sunniten wird immer gewalttätiger und religiös virulent.

Keine eigenständige, gestaltende Kraft

Auf der einen Seite steht die vom Iran geführte schiitische Achse aus dem Irak, Syrien und dem Hisbollah-Libanon, auf der anderen Seite die sunnitisch geführte Achse von Saudi-Arabien, den Golfstaaten und Ägypten. Selbst innerhalb der sunnitisch-arabischen Welt weiten sich die Gräben von Jahr zu Jahr. Die Beziehung von Saudi-Arabien zum Jemen ist wegen des mörderischen Krieges total zerrüttet. Im Verhältnis zum Golfnachbarn Katar inszeniert Riad eine archaische Hexenjagd, die wohl das Ende des Golf-Kooperationsrates bedeuten wird, diesem Club der Reichen und Superreichen auf der Arabischen Halbinsel. Sudan und Ägypten liegen nicht nur beim Nilwasser über Kreuz. Ägypten kläfft auch für seinen Dauersponsor Saudi-Arabien besonders besinnungslos in Richtung Katar und schürt obendrein den inneren Zerfall Libyens.

Kräfte dagegen, die das Blatt wenden und die nahöstliche Region in eine stabilere und kooperativere Zukunft lenken könnten, sind nicht in Sicht. Das gilt auch für die Religion, obwohl der Islam mit dem Hadsch über eine einzigartige, globale Plattform verfügt, die Verfeindete zusammenführen und versöhnen könnte. Der religiöse Sektor in der arabischen Welt jedoch teilt das Schicksal der übrigen Zivilgesellschaft: Er besitzt keine eigenständige, gestaltende Kraft. Religion und Glaube werden genauso für den Machterhalt instrumentalisiert wie das übrige öffentliche Leben. Und so bleibt der Hadsch für diesen Teil der Welt auch weiterhin nur das passive Echo einer Gegenwart, die wenig Optimismus lässt.