Amerikas Rechtsextremisten treten derzeit in Charlottesville und andernorts in den Südstaaten als Verteidiger der Statuen und Denkmäler auf, die an die Konföderierten im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) erinnern. Errichtet wurden sie überwiegend in zwei Schüben: zunächst in den 1890er Jahren, als mit den sogenannten Jim-Crow-Gesetzen die Rassentrennung zementiert wurde, und später noch einmal in den 1920er Jahren, als die Lynchjustiz im Süden einen ersten Höhepunkt erreichte.

Die Statuen für Südstaaten-Generäle wie Robert E. Lee oder Stonewall Jackson sind ein Statement der Herrschaft weißer Rassisten und nicht einfach eine Erinnerung an vergangene Kriegszeiten. Sie symbolisieren die Ideologie des Lost Cause, die in Amerika immer noch Einfluss ausübt. Ihr zufolge war die Abspaltung der Konföderierten ein gerechter Kampf um Unabhängigkeit von der Zentralregierung, für eine eigene Kultur und Lebensweise. Dass diese Kultur wirtschaftlich und geistig auf Sklaverei beruhte, wird zur Nebensache. Der Geschichtsrevisionismus des Lost Cause besteht in der Behauptung, im Bürgerkrieg sei es überhaupt nicht um Sklaverei gegangen. Als Beleg dafür wird immer wieder Abraham Lincoln zitiert, der zu Beginn des Konflikts sagte: "Ich habe nicht die Absicht, mich in die Sklaverei in den Staaten einzumischen, in denen sie existiert."

In der Tat entzündete sich der Streit zunächst nur daran, in welchen der neu hinzukommenden Staaten die Sklaverei erlaubt oder verboten sein sollte. Doch zugrunde lag ein Konflikt zwischen zwei unvereinbaren Gesellschaftsformen, den die Südstaaten schließlich mit dem Austritt aus der Union eskalieren ließen. Von diesem Moment an zielte Lincoln offen darauf, die wirtschaftliche und kulturelle Basis der Südstaaten zu zerstören: die Sklaverei. Aus dem Konkurrenzkampf wurde ein Befreiungskampf. Das ist das Fazit der jahrzehntelangen Forschungsarbeit von James McPherson, des Nestors der Bürgerkriegshistoriker. (Besonders lesenswert ist sein großes Werk Battle Cry of Freedom.)

Der Mythos des Lost Cause leugnet diese Wahrheit und setzt den Kampf der Sklavenhalter und ihrer Generäle in ein rosiges Licht. Namentlich General Lee sei letztlich gegen die Sklaverei gewesen, was Zitate aus seiner Privatkorrespondenz belegen sollen. Liest man jedoch nicht bloß einzelne Passagen, sondern ganze Briefe, so zeigt sich seine wahre Gesinnung: Für die Erziehung der Schwarzen sei es zunächst – leider, leider – notwendig, sie als Sklaven zu halten. Später einmal werde Gott entscheiden, wann sie freie Menschen sein könnten. Eine Sklavenhalterideologie.

Um die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus lebendig zu halten, braucht es keine Statuen

Mit dem Bürgerkrieg ging die Geschichte nicht zu Ende, die die Statuen der Konföderierten symbolisieren. An die Stelle der Sklavenarbeit trat die Zwangsarbeit von Heerscharen schwarzer Gefängnisinsassen. Die Lynchmorde an Schwarzen wurden erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts seltener, nicht dagegen die vorwiegend an ihnen vollstreckten Todesstrafen. Bis heute müssen schwarze Amerikaner bei Polizeikontrollen um ihr Leben fürchten.

Die Suprematie der Weißen ist nicht vorbei, und wer die Statuen der Konföderierten verteidigt, der will, dass es dabei bleibt. Dass auch in Zukunft der "amerikanische Imperativ" gilt, wie ihn Colson Whitehead in seinem großen Roman Underground Railroad beschreibt: "Wenn du es festhalten kannst, ist es deins. Dein Eigentum, ob Sklave oder Kontinent."

Darum dreht sich der Streit. Donald Trumps Argument, man solle die Statuen stehen lassen, denn Geschichte lasse sich nicht auslöschen, ist besonders schwach. Um die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus lebendig zu halten, hat Amerika eindrucksvolle Bücher, Filme und Musik hervorgebracht. Und selbst für Statuen von Sklavenhaltergenerälen gäbe es Verwendung. In einigen postsozialistischen Ländern wurden Denkmäler für Lenin, Stalin, Rákosi und andere ihrer Sorte in extra Themenparks verfrachtet, wo sie nun ohne Sockel herumstehen, versehen mit Erklärungen. Als Mahnmale zur Erinnerung an finstere Zeiten.

Gelegentlich wird in der amerikanischen Debatte übrigens darauf verwiesen, dass sich die Deutschen vorbildlich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hätten. Das ist im Ergebnis sogar richtig, wenngleich dieser Prozess etwa ein halbes Jahrhundert gedauert hat – auch und gerade mithilfe von Amerika. Allerdings sind noch heute Kasernen der Bundeswehr nach Nazigenerälen benannt. Es gibt also auch für uns Deutsche noch allerhand zu tun.