Aber natürlich geht es ebenso um sozialpolitische Grundsatzfragen, nicht nur darum, was die Polizei zum Schutz der kulturellen Lebensgewohnheiten der Menschen in der Demokratie noch tun könnte oder längst hätte tun müssen. So spielt auch in Spanien die Frage eine Rolle, ob genug für die Integration der jungen Generation des Migrantenmilieus unternommen werde. An die 900.000 Marokkaner – manche sprechen und schreiben von einer Million – leben in Spanien. "Sie müssten integriert werden", sagt ein Nordafrikaexperte. "Aber das klappt zum Teil nicht, weil die Kapazitäten nicht reichen, oder weil es am Willen der Einheimischen fehlt." Immer häufiger aber auch am Willen der jungen Migranten selbst, sich zu integrieren. Sie haben sich zu einem großen Teil innerhalb der Parallelgesellschaften im Gastland eingerichtet, eine Integration ganz anderer Art. Schwerpunkte: Katalonien, Andalusien, Madrid. Nicht nur in Spanien kennt man diese Gegenwelten.

Die Kenner des Problems beschreiben das bekannte soziale Phänomen. Die nicht integrierten Jungen seien besonders ansprechbar für Werber des Dschihad, im Umfeld einschlägig bekannter Moscheen, erst recht aber, wenn sie – im Gefolge von Haftstrafen für kleinkriminelle Delikte – in der Haftzeit mit den dort aktiven Werbern eines radikalen Islam die gesuchte Führungsfigur fänden.

Behörden sind geübt im Umgang mit Terror

Was tun, wenn die Vorbeugung gegen die sozialen Folgen dieser Entwicklung offenbar nur begrenzt erfolgreich ist und begleitet von Enttäuschungen? Für die spanischen Antiterrorspezialisten sind es vor allem drei soziale Profile, an denen sie sich bei ihrer Arbeit orientieren: Zunächst achten sie auf die Rückkehrer aus dem Ausland, wegen deren Kenntnis im Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Dann stehen die bodenständigen überzeugten Radikalen in Spanien im Fokus. Und schließlich geht es den Behörden um die sogenannten Frustrierten, die gescheitert seien beim Versuch, IS-kontrolliertes Gebiet zu erreichen und nun den Dschihad im eigenen Land führen wollten. Die Zeitung El País zitiert einen Experten aus der Guardia Civil: "Es kann schon passieren, dass die drei Profile auf ein- und dieselbe Person zutreffen."

Beobachtung, Analyse, Prävention: Spaniens Sicherheitsbehörden sind inzwischen auf die neue Bedrohung spezialisiert. Die konservative Regierung wird nicht müde, von der "Erfahrung im Umgang mit Gewalt und Terror" zu sprechen, was offenkundig an den Kampf Zentralspaniens mit der seinerzeitigen baskischen Terrororganisation Eta erinnern soll.

Es ist, als hätte der Parteivorsitzende und Regierungschef Mariano Rajoy vergessen, dass der größte Anschlag in Spanien die schon erwähnte Al-Kaida-Attacke gegen drei Pendlerzüge nach Madrid war. Das geschah wenige Tage vor der Parlamentswahl, der damalige Premier, José María Aznar, bezichtigte die Eta der Urheberschaft des Attentats. Er wollte davon abzulenken, dass unter seiner Regierung Spanien sich an Seiten von George W. Bush am Krieg gegen den Irak beteiligt hatte und das Attentat damit im Zusammenhang stehen könnte. Innerhalb eines Tages wurde zum obersten Wahkampfthema die Frage, ob Aznar lügt. Die Antwort kam unerbittlich und prompt: Ja! Aznar verlor die Wahl.

Verfassungskonflikt könnte entschärft werden

Politische Folgen – wer weiß? – hat womöglich auch der Anschlag vom 17. August. Dabei geht es um die Einheit Spaniens, wobei davon unmittelbar zunächst Barcelona als Hauptstadt und die autonome Region Katalonien betroffen wären. Denn die separatistisch orientierte Regionalregierung hat für den 1. Oktober ein von der spanischen Verfassung nicht vorgesehenes Referendum angesetzt, bei dem die Katalanen darüber entscheiden sollen, ob sie die spanische Monarchie verlassen und als selbstständige Republik der EU angehören wollen.

Das Referendum ist im Prinzip illegal und wäre daher erst mal folgenlos. Vor allem aber ist der Streit, wie man so schön sagt, überflüssig wie ein Kropf. Und er ist das einzige Thema der linksradikalen Separatisten (CUP), die nicht einmal der Regierung angehören, ihr aber im Parlament die Mehrheit verschaffen. Politisch ist der Streit auf Grund provozierender Auftritte beider Seiten eskaliert. Die Lage scheint also – oder schien – bisher aussichtslos. Nun aber ist das Thema überlagert von der terroristischen Herausforderung.

Auf einmal, nach den Anschlägen, gehen die beiden Seiten behutsamer miteinander um. Nachdenklich. Man sprach sogar von gemeinsamen Aufgaben. Könnte die Tragödie so womöglich dazu führen, dass der Verfassungskonflikt um Katalonien entschärft wird? Das wäre eine große historische Ironie. Aber auch ein nicht gering zu schätzender Trost nach den Tagen des Grauens. Alles in allem würde man es dem Land wünschen.