Die Stimmung auf dem El-Indio-Platz in Caracas ist angespannt. Die Kämpfe sind nah, das beweist der Lärm: Man hört Schüsse und mehrere laute Detonationen. Männer mit vermummten Gesichtern rasen auf Motorrädern die Straße zum Platz hoch. An der Kreuzung bleiben sie stehen, greifen nach den Molotovcocktails, die ihre Kameraden dort vorbereitet haben, und fahren damit wieder zur Front. In der Ferne sieht man die Brandflaschen durch die Luft fliegen, mit einem Knall kommen sie auf dem Boden auf, dunkler Rauch steigt auf.

Die Menschen auf dem El-Indio-Platz beginnen zu schreien, manche rennen. In alle möglichen Richtungen, möglichst weg von der Kreuzung und der Avenida, hinein in die Nebenstraßen vom Stadtteil Chacao. Ganz in der Nähe ist das Brummen der Polizeimotorräder zu hören. Die Menschen verstecken sich hinter parkenden Autos und in den Hauseingängen. Wieder Schüsse, dieses Mal lauter, gleich nebenan, Tränengas hängt in der Luft. Alles fühlt sich an wie Krieg.

Zwei Tage sind die Kämpfe vom El-Indio-Platz her, doch solche Szenen spielen sich seit Monaten immer wieder mitten in Caracas ab. Die Lage in Venezuela ist angespannt. Seit Anfang April gehen die Menschen fast täglich gegen Präsident Nicolás Maduro auf die Straße. Und die Polizei reagiert auf die Proteste immer gleich: mit Panzern, Gummigeschossen und Tränengas.

Die Situation spitzt sich seit Wochen zu, am vergangenen Sonntag hatte sie mit einer umstrittenen Wahl ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht: Die Mitglieder einer verfassungsgebenden Versammlung sollten auserkoren werden. "Für den Frieden", sagte Staatspräsident Maduro. "Reiner Betrug", meinte die Opposition. Sie boykottierte die vom Präsidenten initiierte Wahl. Ihr zufolge wird der Präsident mit einer neuen Verfassung nur seine Macht weiter ausbauen und das südamerikanische Land auf direktem Weg in die Diktatur führen. Seit dieser Wahl drohen die Proteste zu eskalieren.

Begonnen haben die Aufstände in Venezuela vor vier Monaten, als der Oberste Gerichtshof das Parlament auflöste und dessen Rechte auf sich selbst übertrug. Er entzog der Nationalversammlung damit alle ihre Befugnisse, etwa die Verabschiedung von Gesetzen oder die Kontrolle über die Regierung. Auch die Immunität der Abgeordneten ließ das höchste Gericht aufheben. In der venezolanischen Nationalversammlung hält die Opposition seit Dezember 2015 die Mehrheit. Eine Entmachtung des Parlaments kommt der sozialistischen Regierung von Nicolás Maduro zugute. Die Opposition sprach darum im März von einem Staatsstreich. Zwar machte das Höchstgericht das Urteil nach internationaler Empörung wieder rückgängig, doch waren zu dem Zeitpunkt die Proteste auf den Straßen bereits entbrannt.

121 Tote und 2.000 Verletzte zählt die Generalstaatsanwaltschaft seither. Alleine zehn davon starben am vergangenen Wochenende während der Wahl, die dem Land laut Präsident Maduro den Frieden bringen sollte. Zu den Toten gehört auch ein Kandidat für die verfassungsgebende Versammlung. Dennoch bestreitet die sozialistische Regierungspartei PSUV diese Zahl. Ihr zufolge hat keine einzige Person am Sonntag ihr Leben gelassen.

Auf den Straßen türmen sich Autoreifen und Steinbrocken

Den Urnengang feiert der Präsident als Erfolg: 8.089.329 Stimmen seien abgegeben worden, also eine halbe Million mehr, als die Opposition bei einer inoffiziellen Volksabstimmung vor zwei Wochen erreichen konnte. Als das offizielle Wahlergebnis am Sonntag um Mitternacht verkündet wurde, erklang in ganz Caracas ein metallenes Klirren: Oppositionsanhänger hatten sich an die Fenster gestellt und klopften aus Protest mit Löffeln auf leere Kochtöpfe. "Hijo de Puta, Hurensohn!", schrien sie in die Nacht hinaus. Die Opposition unterstellt der Regierung, sich die Zahl ausgedacht zu haben. Sie sagt, nur ein Viertel davon habe tatsächlich an der Wahl eines Verfassungsrates teilgenommen.

Die Situation ist festgefahren. Weder der Präsident noch die Opposition zeigen sich gesprächsbereit. Versuche eines Dialogs sind in der Vergangenheit schon mehrfach gescheitert. Reden will niemand mehr. Stattdessen werden die Dispute auf der Straße ausgetragen: Auf den Kreuzungen von Caracas türmen sich seit einer Woche Müllsäcke, Autoreifen und große Steinbrocken. Zwischen den Laternenpfählen haben Demonstranten Seile quer über die Straße gespannt. Niemand sollte mehr durchkommen, vor allem die gefürchtete Polizei auf ihren Motorrädern nicht. Mit Straßenblockaden, Kundgebungen, Protestmärschen und einem mehrtätigen Generalstreik hatte die Opposition die Wahl noch zu verhindern versucht – erfolglos.