Im Parlamentsgebäude der venezolanischen Hauptstadt Caracas ist die von Präsident Nicolás Maduro einberufene verfassunggebende Versammlung zu ihrer ersten Sitzung zusammengetreten. Die 545 Mitglieder wählten einstimmig die ehemalige Außenministerin Delcy Rodríguez zu ihrer Präsidentin. Rodríguez ist eine loyale Anhängerin des sozialistischen Staatschef Maduro. Sie versprach, Venezuela gegen "jegliche Aggression oder Bedrohung zu verteidigen". 

Die Versammlung wurde von mehreren Staaten sowie Papst Franziskus kritisiert. Es wird befürchtet, dass das Land damit zur Diktatur umgebaut wird. Die EU, die USA und eine Reihe lateinamerikanischer Länder erkennen das am Sonntag gewählte Gremium nicht an. Die Opposition, die die Wahl boykottierte und die Versammlung ebenfalls nicht anerkennt, hatte neue Massenprotesten angekündigt.

"Nichts und niemand wird die neue Geschichte verhindern. Wir werden siegen", sagte hingegen Maduro zu Beginn des Treffens. Er bezeichnete die Sitzung als "Versammlung des Friedens". Das Militär und die Polizei hatten das Parlamentsgebäude weiträumig abgeriegelt.

Die gewählten Mitglieder der Versammlung liefen begleitet von Tausenden Anhängern und Präsident Maduro in einem Fußmarsch durch die Hauptstadt Caracas zum Sitzungsort. Die Teilnehmer trugen Porträts von Maduros verstorbenem Vorgänger Hugo Chávez und Venezuelas Unabhängigkeitshelden Simón Bolívar mit sich.

Symbolisch wurden die von der Opposition abgehängten Porträts des Begründers des sozialistischen Projekts, Hugo Chávez, im Parlamentsgebäude wieder aufgehängt.  

Maduro will mithilfe der Verfassungsversammlung die unter Präsident Chávez verabschiedete Verfassung aus dem Jahr 1999 ändern. Als übergeordnetes Staatsorgan soll die Versammlung zudem über dem 2015 gewählten Parlament stehen, in dem die Mitte-rechts-Opposition über die Mehrheit verfügt. Regierungsgegner befürchten dadurch eine Entmachtung des Parlaments und ein Ende der Gewaltenteilung. Maduro würde sich demnach durch die neue Verfassung "diktatorische Vollmachten" sichern.

Das Land ist extrem gespalten. Durch die dank der zeitweise hohen Öleinnahmen erfolgte finanzielle Unterstützung und die damit verbundene deutliche Reduzierung der Armutsquote ist der Rückhalt für die Sozialisten gerade in den Armenvierteln hoch, während das aus rund 20 Parteien bestehende Oppositionsbündnis Mesa de la Unidad Democrática (MUD) vor allem bei der Ober- und Mittelschicht großen Rückhalt genießt.