Das Ende des Kalten Krieges hat nie das Ende des atomaren Wettrüstens bedeutet. Vielmehr war den Experten schon 1990 klar, dass auf die scheinbare Stabilität des atomaren Stellungskriegs zwischen Ost und West eine Phase der Verbreitung nuklearer Waffen folgen würde. Und dass die Welt damit noch gefährlicher werden könnte als zu Zeiten eines leidlich funktionierenden Gleichgewichts des Schreckens.

Es könnte sein, dass wir uns gerade rasch dem Punkt nähern, an dem die – globale wie regionale – nukleare Statik ins Wanken gerät. Es baut sich derzeit eine doppelte Atomkrise auf, die auf unheilvolle Weise den Frieden und die internationale Sicherheit bedroht.

Da ist zum einen die weitere Eskalation des Nordkoreakonflikts. Nicht nur, dass US-Präsident Donald Trump vor der UN-Vollversammlung Nordkorea mit der "totalen Vernichtung" drohte und Machthaber Kim Jong Un einen "Raketenmann auf Selbstmordmission" nannte, woraufhin Kim seinerseits Trump als "geistesgestörten senilen Trottel" beschimpfte. Der nordkoreanische Außenminister stellte außerdem den "stärksten Wasserstoffbombentest über dem Pazifischen Ozean" in Aussicht. Und da wird es wirklich brandgefährlich.

Denn dies wäre der erste Atomtest in der Atmosphäre seit 37 Jahren. Beim letzten Mal, am 16. Oktober 1980, feuerte China eine Rakete mit nuklearem Sprengkopf in eine Salzwüste im Westen der Volksrepublik. Amerikaner und Franzosen haben vor Jahrzehnten letztmals ihre Atomwaffen im Pazifik getestet. Die stärkste Explosion ereignete sich im Jahr 1954 auf dem Bikini-Atoll. "Castle Bravo" lautete das Codewort für den Versuch, bei dem die USA eine gewaltige Wasserstoffbombe zündeten. Radioaktive Partikel drifteten damals um den gesamten Globus.

Nicht erst aus heutiger Sicht waren die damaligen Versuche völlig unverantwortlich. Die Vereinigten Staaten, Sowjetunion und Großbritannien vereinbarten denn auch 1963, alle Nuklearversuche in der Atmosphäre, im Weltall und unter Wasser zu beenden. Drei Jahre später wurde bei den Vereinten Nationen sogar ein totaler Teststopp beschlossen, bis heute haben 166 Staaten den Vertrag ratifiziert. Nicht dazu gehören: die USA, China, Nordkorea, Indien, Pakistan, Israel und der Iran. Und damit sind fast alle Akteure versammelt, welche die heutige Lage so unsicher machen.

Es droht ein atomares Wettrüsten

Auch die USA sind zum Sicherheitsrisiko geworden. Donald Trump attackierte vergangene Woche vor den Vereinten Nationen nicht nur Nordkorea. Er griff zum anderen den "abgewirtschafteten Schurkenstaat" Iran an. Trump hatte schon im Wahlkampf verkündet, das 2015 mit dem Iran geschlossene Atomabkommen sei "miserabel". Jetzt steht er kurz davor, die Vereinbarung zu torpedieren. Bis zum 15. Oktober muss er – wie alle 90 Tage – gegenüber dem Kongress bestätigen, dass der Iran sich an seine Vereinbarungen hält. Aber dazu scheint Trump nicht mehr bereit zu sein. Und das, obwohl die Internationale Atomenergie-Organisation gerade noch einmal bekräftigt hat, der Iran erfülle seine Verpflichtungen.

Folgt der Kongress dem Präsidenten, setzt er die US-Sanktionen gegen den Iran erneut in Kraft, die mit Unterzeichnung des Abkommens aufgehoben wurden. Kommt es soweit, dürfte das Regime in Teheran den Vertrag selbst kündigen – selbst wenn die anderen Unterzeichnerstaaten (China, Russland, Großbritannien, Frankreich und Deutschland) daran festhalten wollen.

Amerika wäre vertragsbrüchig geworden – mit gravierenden Folgen für den Koreakonflikt. Denn warum sollte sich Kim Jong Un auf Verhandlungen mit Washington einlassen, wenn Trump eine Vereinbarung zerreißt, obwohl der Vertragspartner alle Vorschriften einhält? "Die Glaubwürdigkeit der USA wäre dahin", sagt Wendy S. Sherman, die den Iran-Deal mit ausgehandelt hat.

Der amerikanische Ruf wäre auch dahin bei den Europäern, die viel Kraft und Geduld in das Abkommen mit Teheran investiert haben. Vorsorglich warnte schon die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini: "Wir haben bereits eine mögliche Atomkrise. Wir brauchen ganz sicher nicht noch eine zweite." Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte jüngst ihre Vermittlung im Koreakonflikt angeboten und dabei das Iranabkommen als Vorbild für eine Lösung genannt. Doch falls Trump die Vereinbarung mit Teheran vom Tisch wischt, macht er damit auch klar, woran ohnehin niemand zweifeln sollte: Die Europäer kann er sich als Vermittler in Korea zuallerletzt vorstellen.

Was auf dem Spiel steht? Schon der Atomwaffensperrvertrag hat nicht verhindern können, dass die Zahl der Nuklearstaaten weiter gestiegen ist – von einst fünf auf heute neun. Sollten nun wieder Kernwaffen in der Atmosphäre getestet werden, würde ein weiteres Tabu gebrochen. Sollte Trump zudem das Abkommen aufkündigen, das Irans Aufrüstung zumindest für ein Jahrzehnt gestoppt hat, dann ist ein neues atomares Wettrüsten nicht mehr zu verhindern.

"Die Atomwaffen sind auf die Tagesordnung zurückgekehrt", schrieb John Sawers, der ehemalige Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 dieser Tage in der Financial Times. "Das Risiko, dass sie eingesetzt werden, ist heute größer als zu irgendeinem Zeitpunkt seit den sechziger Jahren."