Nein, es ist keine Verschwörungsfantasie. Anders als der "Hussein" im Namen Barack Obamas hat Angela Merkel Muhammed nichts damit zu tun, dass die Kanzlerin in Wirklichkeit eine Muslima ist. Besagte Angela ist vielmehr die im August dieses Jahres in Münster geborene Tochter eines dankbaren syrischen Ehepaares, das den Gefahren und der Trostlosigkeit ihrer verwüsteten Heimat entflohen ist und dem 2015 in Deutschland Asyl gewährt wurde

Bis dahin war ich, wie viele Araber aus dem progressiven und linken Spektrum, wenig angetan von Merkels destruktiv-neoliberaler und von nationalen Motiven getriebenen Wirtschaftspolitik, die sie besonders eindrücklich im Umgang mit der griechischen Schuldenkrise demonstrierte. Doch Merkels Bereitschaft, ihre politische Zukunft für die Schwachen und Verwundbaren aufs Spiel zu setzen, hat mein Bild von ihr verändert.

Obwohl sich Angela, das Baby, dessen natürlich nicht bewusst ist, steht es mit seinem Namen für die Bewunderung, die ihre erwachsene Namensschwester heute in der arabischen Welt genießt, seit diese 2015 – einem skeptisch bis feindlich gesonnenen Europa und in Deutschland ihren konservativen bis weit rechten Gegnern zum Trotz – Hunderttausende Flüchtlinge und Migranten willkommen hieß. 

Ihre Haltung zur Flüchtlingsfrage hat sich geändert

Während die Kanzlerin in Deutschland von rechten Protestlern ausgebuht wurde, schickten ihr syrische und arabische Migranten über Social Media Nachrichten der Zuneigung und Bewunderung. "Wir werden unseren Kindern berichten, dass Syrer aus ihrer Heimat flohen, um nach Europa zu gehen, während für sie Mekka und muslimischer Boden nahebei lagen", formulierte ein Facebook-User seine Dankbarkeit.

Merkels grundsätzliche Haltung gegenüber Flüchtlingen angesichts der scharfen Opposition und zahlreicher islamistischer Terroranschläge verschaffte ihr eine Menge Respekt und viele arabische Kommentatoren überschütteten sie deshalb mit Lob. 

"Trotz all der Umstände hat sich Frau Merkel angesichts der vielen Asylsuchenden, die einen berechtigten Grund zur Flucht hatten, tapfer geweigert, 'die Tür zu verschließen'", schrieb der Londoner Journalist Faisal J. Abbas im Juli 2016. Gleichzeitig ermahnte Abbas die syrischen Flüchtlinge, mehr Erfahrungen im kulturellen Austausch zu sammeln und "mehr Beflissenheit darin zu zeigen, sich integrieren zu wollen und die Kultur des neuen Heimatlandes zu respektieren".

Allerdings hat sich Merkels Haltung zur Flüchtlingsfrage zuletzt geändert. Sie unterstützt nun das viel kritisierte EU-Türkei-Abkommen und will nach dessen Prinzip – die EU nimmt für jeden abgeschobenen Flüchtling einen auf legalem Weg gekommenen auf – ähnliche Abkommen mit den Staaten Nordafrikas schließen. 

Arabische Zeitungen bringen bewundernde Porträts

Das mag ihr zu Hause die Unterstützung konservativer Kreise gebracht haben, hat aber an ihrem Image in der arabischen Welt gekratzt. Die Bemühungen der EU, die Zuwanderung über das vom Krieg zerrütteten Libyen, in dem der Zentralstaat komplett weggebrochen ist, zu stoppen, hat etwas befeuert, was viele Zeugen und Beobachter bis hin zur UN einen modernen Sklavenhandel nennen.

Viele Araber teilen das Lob im Westen über Angela Merkel als neue "Führerin der freien Welt", weil sie Donald Trump die Stirn bietet. Dennoch sehen arabische Demokratieaktivisten, Menschenrechtler und Oppositionelle mit Verwunderung und Kritik, dass Merkel bereit ist, mit Diktatoren und Despoten zusammenzuarbeiten, um den Flüchtlingszuzug zu bremsen, den Terrorismus zu bekämpfen – und um gute Geschäfte zu machen.

Während Merkel in der regimetreuen Presse Ägyptens gelobt und gepriesen wird, haben Menschenrechtsgruppen und ägyptische Oppositionelle den Besuch von Präsident Abdel-Fattah al-Sissi in Deutschland 2015 und die Visite der Kanzlerin in Kairo im März dieses Jahres verurteilt. "Nach Merkels Besuch ist al-Sissi zuversichtlich, das Vertrauen der Großen wiedergewonnen zu haben und dass diese die Augen verschließen werden vor seinen Menschenrechtsverletzungen mit der Ausrede, dass er ja den Terrorismus bekämpfe", schrieb Wael Kandil, ein Journalist und liberaler Politiker.

Das Problem: Komplizenschaft mit al-Sissi

Einige gehen sogar noch weiter. Sie sagen nicht nur, dass Merkels Schweigen angesichts al-Sissis Menschenrechtsverletzungen zynisch ist, sondern dass sie selbst eine Art von Tyrannin sei. "Unter bestimmten Voraussetzungen wird das Verkaufen von Waffen, das Ausplündern von Volkswirtschaften, die Manipulation von Politik und das Bombardieren von Menschen auch Geschäftemachen, Diplomatie oder humane Militärintervention genannt", schrieb Walid el-Houri vom Institute for Cultural Inquiry in Berlin im Jahr 2015. Auch er wirft Deutschland und dem Westen die Komplizenschaft mit al-Sissi vor.

Doch trotz solch harscher Kritik ist vor den Bundestagswahlen in der arabischen Presse die allgemeine Berichterstattung über die deutsche Kanzlerin von einer begeisterten Tonlage. Viele arabischsprachige Zeitungen bringen jetzt bewundernde Porträts der Kanzlerin, in denen über ihren ungewöhnlichen Weg zur Macht berichtet wird, über ihr früheres Leben als Wissenschaftlerin in der DDR und ihre offensichtliche Sparsamkeit und Bescheidenheit.

Ungeachtet meiner persönlichen Bedenken hinsichtlich ihrer Wirtschaftspolitik und ihrem bequemen Umgang mit Diktatoren, stimmt dieses allgemein positive Bild Angela Merkels mit dem überein, das viele meiner arabischen Bekannten von ihr haben. "Ich respektiere sie und vertraue ihr", sagt Marwan El Nashar, ein ägyptischer Comedian. "Als eine, die Ministerin für Frauen, Jugend und die Umwelt war und dabei einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, war sie auch in der Lage, einen ausgewogenen Weg für Deutschland und Europa zu finden", meint Nancy Sadiq, eine palästinensische Friedensaktivistin.

Könnten also angesichts all dieser Resonanz im September Araber an den Bundestagswahlen teilnehmen – es würde wohl einen Erdrutschsieg für Angela Merkel geben.

Übersetzung aus dem Englischen: Steffen Richter