Vorwärts, habt keine Angst!

Besser wird er nicht. Mehr sagen wird er auch nicht. Es wäre deshalb insbesondere ein deutsches Vergehen, nach der großen Europa-Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Dienstag in der Pariser Sorbonne-Universität einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen. Von Macrons Vorgängern hat es nur Charles de Gaulle je gewagt, sich so intensiv, so direkt, mit so viel Verve an die Deutschen zu wenden.

So schlug Macron in seiner Rede auch nicht umsonst die Erneuerung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages von 1963 vor, mit dem einst Präsident de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer die Grundlage für die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg legten. Macrons Botschaft: Deutsche und Franzosen, allen voran ihre Regierungschefs, müssen heute wieder eine vergleichbar starke Überzeugung und Tatkraft für ihre gemeinsamen Aufgaben in Europa aufbringen wie einst ihre beiden Anführer.

Macrons Kritik zielte vor allem auf Merkel

Denn genau das hält der französische Präsident derzeit für nicht gegeben. Macron schrie fast, als er sich auf der historischen Universitätsbühne an "alle Führer Europas" wandte. Er forderte sie auf, "keine Verwalter mehr zu sein, die Europas Jugend in die Arme der Extremisten treiben". Auch der Ort des Auftritts war symbolisch gewählt: Vor 25 Jahren hatte Präsident François Mitterrand die gleiche Bühne betreten, um Frankreichs Beitritt zum Maastricht-Abkommen zu verteidigen.

Obwohl er in seiner Rede die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ausdrücklich würdigte, ging Macrons Kritik natürlich zuallererst an sie. Wer wenn nicht die Bundeskanzlerin hat sich, von ihrer Reaktion auf die Flüchtlingskrise mal abgesehen, die vergangenen Jahre als oberste Krisenverwalterin Europas ohne allzu große Visionen hervorgetan?

Eine gemeinsame europäische Armee?

Viel mehr noch lassen sich Macrons Äußerungen als implizite Kritik der deutschen Europa-Politik verstehen. So etwa sein fulminant vorgetragener Vorschlag, bis 2020 eine schlagfertige europäische Einsatztruppe aufzustellen, finanziert von einem neu geschaffenen europäischen Verteidigungshaushalt. Das ist seine Antwort auf die schon zuvor deutlich wahrnehmbare Skepsis in Berlin gegenüber französischen Plänen für einen gemeinsamen Haushalt der Eurozone. Damit signalisierte er den Deutschen: Wenn ihr uns wirtschaftspolitisch nicht vertrauen wollt, dann vertraut uns wenigstens militärisch.

So, wie nach 1789 Napoleon kam, kann nach Macron Le Pen kommen

"Vorwärts, habt keine Angst!", rief Macron, als wolle er eine Marseillaise für Europa und speziell für Deutsche und Franzosen komponieren. Denn auch er wusste, was Angela Merkel kurz zuvor angemahnt hatte: "In der Ruhe liegt die Kraft", sagte sie in der Elefantenrunde nach der Bundestagswahl. 

Umso größer scheint die Gefahr, dass Macrons Rede im Berliner Getümmel nach den Wahlen untergeht. Es liegt nahe, sie als Ansprache an eine proeuropäische große Koalition abzutun, die es bald nicht mehr gibt. Dabei gab sich der französische Präsident alle Mühe, auf die neuen deutschen Machtverhältnisse einzugehen. Seine Forderungen nach einer Wirtschaftsregierung für die Eurozone stellte er zurück, um Merkels möglicherweise künftigen Koalitionspartner FDP nicht zu verärgern. Auf Nachfrage von ZEIT ONLINE sagte Macron: "Ich glaube, ich bin sensibel gegenüber deutschen Tabus und vertrete eine Philosophie, die mit der deutschen Öffentlichkeit kompatibel ist." 

Macrons Rede und das Europaprogramm der FDP ähneln sich

Tatsächlich ist der Inhalt von Macrons Rede dem Europaprogramm der FDP durchaus ähnlich. Alles, was die Liberalen und die meisten deutschen Konservativen von Europa fordern, arbeitete Macron zu Beginn seiner Rede ab: die schnelle Eingreiftruppe, eine gemeinsame Einwanderungs- und Asylpolitik (hier berief sich Macron explizit auf das "deutsche Modell"), eine bessere Geheimdienstkooperation, eine europäische Staatsanwaltschaft, ein Erasmus-Programm auch für Lehrlinge. All das wird wenige Deutsche stören. 

Auch wenn die Schäubles und Lindners den zweiten Teil seiner Rede, der von mehr sozialer Gerechtigkeit und mehr Demokratie für Europa handelte, für utopisch halten mögen: Diese Themen waren die Punkte vier und fünf in Macrons Rede. Durch diese Priorisierung machte Macron klar, dass Frankreich auch mit einem Konsens nur in den ersten Punkten zufrieden wäre.

Kommt Le Pen nach Macron?

Macron sprach, wie es sich für einen ordentlichen französischen Revolutionsführer gehört. 1789 verschliefen die Deutschen die Signale aus Paris schon einmal. Die Folgen waren grausam, bald rannten die französischen Armeen über sie hinweg. Dieses Mal müssen wir wachsamer sein. Denn so, wie nach 1789 Napoleon kam, kann nach Macron Le Pen kommen.