Drehtag bei der Farc in einem Camp in der südkolumbianischen Provinz Cauca: Ex-Kämpfer Santiago nimmt ein Video zur neuen Geschlechterpolitik seiner Bewegung auf. Frauen und sexuelle Minderheiten haben bei der Farc die gleichen Rechte wie heterosexuelle Männer, lautet die Botschaft des einminütigen Werbespots.

Die junge Frau vor der Kamera, eine Kameradin aus Santiagos früherer Einheit, ist nervös. "Wir sind gegen Heteronormativität. Gut. Aber was ist das überhaupt?", unterbricht sie. Santiago geht den Text mit ihr durch. Er überlegt einen Moment. "Wenn Heteros die Normen verfassen, zu ihren Gunsten", sagt er schließlich. Das Lampenfieber der Laiendarstellerin hält an. Auch im vierten Anlauf verhaspelt sie sich. Beide gehen für eine Zigarettenpause vor die Tür.

Die Farc, die älteste und mächtigste Guerillaorganisation Lateinamerikas, erklärt sich am 1. September offiziell zur politischen Partei. Aus den "Bewaffneten Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" wird die Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común, übersetzt etwa: die "Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes". Das Kürzel Farc bleibt bestehen – der neue Name aber zeigt: Der Klassenkampf geht in eine neue Etappe. Die Kommunisten wollen als Alternative zu den etablierten Parteien an die Macht, ohne Waffengewalt, ganz legal per Wahlen.

Es ist ein historischer Schritt. Ein halbes Jahrhundert lang, ab 1964, hatte die ideologisch von Moskau beeinflusste Farc einen hartnäckigen Dschungelkampf geführt. Militärisch war sie von der hochgerüsteten Regierungsarmee in den vergangenen Jahren in die Defensive gedrängt worden. Im November unterzeichneten Regierung und Rebellen nach vierjährigen Verhandlungen in Havanna ein Friedensabkommen. Die eine Seite sicherte politische Beteiligung und Amnestie zu, die andere Seite die Niederlegung ihrer Waffen und Entschädigung für die Opfer.

Politwerbespots statt Gewehre

"Vorher haben wir mit dem Gewehr auf Hubschrauber gezielt. Jetzt kämpfen wir mit der Kamera gegen die Medienkonzerne", sagt Santiago. Der 33-Jährige arbeitet mit fünf Kollegen im Propagandateam der Farc-Einheit Alfonso Cano, benannt nach einem im Bürgerkrieg getöteten früheren Oberbefehlshaber. Ihr Studio in den Bergen der zentralen Andenkordillere ist in einer schmucklosen Baracke untergebracht, technisch aber auf dem neuesten Stand. Videokameras, Computer, Aufnahmegeräte; sogar eine Drohne haben sie sich zugelegt.

In den Jahren der militärischen Auseinandersetzung hieß Propaganda bei den Farc vor allem, dass ein Kommandeur in einem Versteck irgendwo im Urwald vor aufgespannter Flagge ein Kommuniqué mit dröger marxistischer Dialektik verlas. Santiago und seine Kollegen dagegen drehen kurze Videos, technisch tadellos, in denen junge Mitglieder der Truppe emotionale Slogans ans Publikum bringen. "Unsere Gegner haben uns dargestellt, als ob wir Tiere wären. Wir wollen zeigen, dass wir Menschen sind, mit Träumen wie jeder andere auch", sagt er.

Gründergeist und kreative Freiheit prägen den Arbeitsalltag, fast wie bei einem Start-up-Unternehmen. Santiago hat sich in Schnitt- und Illustrationsprogramme eingearbeitet. Viele der Themen bestimmen er und seine Kollegen selbst, von Interviews mit den Nachbarn weiter unten im Dorf bis hin zu Kurznachrichten über die Ankunft von Ärzten im Lager.

Sie verbreiten ihre Videos auf der Website ihrer Einheit, und in ihren sozialen Netzwerken wie YouTube. Facebook hat sie mehrere Male ausgeschlossen. Sie haben dann das Profil einfach wieder neu eröffnet.