Myanmars faktische Regierungschefin Aung San Suu Kyi hat erstmals öffentlich die Gewalt gegen die Rohingya verurteilt. In einer Ansprache kritisierte sie "Menschenrechtsverletzungen" im Bundesstaat Rakhine und versicherte, dass sie mit "allen Menschen" mitfühle, die von dem Konflikt betroffen seien. Myanmar solle nicht wegen unterschiedlicher Religionen gespalten sein, sagte Suu Kyi.

Die Friedensnobelpreisträgerin versprach, sich für eine friedliche Lösung der Situation einzusetzen. "Alle von uns wollen Frieden und keinen Krieg." Unabhängig von Religion, ethnischer Herkunft oder politischer Stellung werde gegen alle, die Menschenrechte verletzten, "etwas unternommen".

Suu Kyi lud ausländische Diplomaten ein, die Unruhe-Provinz Rakhine zu besuchen, um sich über die dortige Lage zu informieren. Auch sei ihre Regierung jederzeit bereit, den Status der Rohingya zu prüfen, die in den vergangenen Wochen außer Landes geflohen waren. Die Angehörigen der muslimischen Minderheit sind staatenlos seit ihnen das damalige Birma 1982 die Staatsbürgerschaft entzog. 

Suu Kyi relativiert das Ausmaß der Gewalt

In ihrer Ansprache relativierte Suu Kyi aber auch die Situation. Die meisten Dörfer der Region seien nicht von der Gewalt betroffen. "Die Mehrheit hat sich dem Exodus nicht angeschlossen." Suu Kyi kündigte an, die Fluchtursachen analysieren zu wollen; es habe "viele Vorwürfe und Gegenvorwürfe" gegeben. Zugleich bat sie die internationale Gemeinschaft um Geduld: "Wir sind eine junge und fragile Demokratie, die mit vielen Problemen zu tun hat." Auf die Rolle des Militärs ging sie nicht näher ein.

Amnesty International kritisierte die Rede. Zwar sei es gut, dass Suu Kyi die Gewalt verurteilt habe, sagte Südostasien-Direktor James Gomez. Zur Rolle von Myanmars Sicherheitskräften habe sie jedoch weiterhin geschwiegen.

Myanmar steht wegen der Gewalt und der Vertreibung von mehr als 400.000 Rohingya ins Nachbarland Bangladesch international in der Kritik. Suu Kyi wird vorgeworfen, wochenlang geschwiegen zu haben und "beiden Seiten" die Schuld für die Gewaltverbrechen zu geben. In einer Petition fordern Hunderttausende Menschen, ihr den Nobelpreis abzuerkennen, den sie 1991 für ihren jahrzehntelangen gewaltfreien Widerstand gegen die Militärdiktatur bekommen hat. 

UN erhöhen Druck auf Suu Kyi

UN-Generalsekretär António Guterres hatte die Fernsehansprache vorab als "letzte Chance" zur Beilegung des Konflikts bezeichnet. Auch die Außenminister Frankreichs und Großbritanniens forderten Suu Kyi zum Einschreiten auf. Der Konflikt dürfte auch ein wichtiges Thema bei der bevorstehenden Generaldebatte der UN-Vollversammlung sein. Suu Kyi hatte ihre Teilnahme abgesagt.  

Der seit Jahren andauernde Konflikt in Rakhine war Ende August eskaliert, als Rohingya-Rebellen Soldaten und Polizisten angriffen und Sicherheitskräfte töteten. Das Militär reagierte mit brutaler Gegengewalt. Flüchtlinge berichteten, dass Soldaten und buddhistische Mobs ihre Dörfer niedergebrannt und wahllos Menschen erschossen hätten.

Menschenrechtsorganisationen und der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid Raad al-Hussein, werfen Myanmar eine ethnische Säuberung vor. Sie befürchten, dass die Zahl der Betroffenen auf eine Million ansteigen könnte.