Nach dem neuen Atomwaffentest Nordkoreas drängen die USA den UN-Sicherheitsrat zu weiteren Sanktionen. Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley, warf dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jon Un vor, er "bettelt um Krieg". Die USA wollten niemals Krieg, auch jetzt nicht, sagte sie während der Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats. Aber die Geduld Amerikas sei nicht grenzenlos.

Sie appellierte an den Rat, nach dem jüngsten Atomtest die schärfsten Maßnahmen gegen Nordkorea zu ergreifen, die möglich seien. "Genug ist genug", sagte sie, denn trotz aller Bemühungen, dies zu verhindern, sei Nordkoreas Atomprogramm weiter fortgeschritten und gefährlicher als je zuvor.

Auch Südkoreas Präsident Moon Jae In und Japans Regierungschef Shinzo Abe plädierten für eine weitere Verschärfung der bereits beschlossenen Sanktionen. Der Druck solle verstärkt werden, bis die Regierung in Pjöngjang bereit zum Dialog sei, erklärten sie. In Diplomatenkreisen hieß es, neue Strafmaßnahmen der UN könnten die nordkoreanische Textilindustrie oder die Fluggesellschaft des Landes ins Visier nehmen. Die Bundesregierung kündigte an, sich gemeinsam mit Frankreich für weitere Sanktionen auf EU-Ebene einzusetzen. Das Auswärtige Amt in Berlin bestellte den Botschafter Pjöngjangs ein.

China und Russland zeigten sich dagegen skeptisch gegenüber weiteren Sanktionen, schlossen diese aber nicht aus. Nach den neuen Drohungen der USA mit einem Militärschlag gegen Nordkorea dringen die beiden Länder auf eine diplomatische Lösung. Jeder ungeschickte Schritt könne in der gegenwärtigen Situation zur Explosion führen, warnte der russische Vizeaußenminister Sergej Rjabkow im chinesischen Xiamen. Der "Stärkere und Klügere" müsse Zurückhaltung üben, forderte er mit Blick auf die US-Angriffsdrohungen für den Fall, dass Nordkorea die USA oder einen Verbündeten bedrohten.

Die Schweiz bot sich derweil als Vermittler im Konflikt an. Das Land könne Schauplatz für Gespräche der zuständigen Minister sein. "Es ist nun wirklich Zeit, sich an den Tisch zu setzen. Großmächte haben eine Verantwortung", sagte die Bundespräsidentin Doris Leuthard. An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea sind seit mehr als 60 Jahren Schweizer Truppen im Einsatz – unter anderem um den Waffenstillstand zwischen den beiden Ländern zu überwachen.

Trump und Moon heben Größenbegrenzung südkoreanischer Raketen auf

Südkorea verstärkte als Reaktion auf den Atomtest des Nordens seine Verteidigungsbereitschaft. Dazu sollen auch US-Flugzeugträger und strategische Bomber in Südkorea stationiert werden, kündigte der Generalstab an. Mit Einverständnis den USA hebt Südkorea zudem die Größenbegrenzung für seine Raketen auf. Trump habe mit Moon telefoniert und vereinbart, dass die Traglast der südkoreanischen Raketen nicht mehr begrenzt sei, teilte Moons Büro am Montag mit.

Das etwa 40-minütige Telefonat war das erste Gespräch zwischen den beiden Präsidenten seit Nordkoreas jüngstem Atombombentest. Trump und Moon seien sich einig gewesen, dass der Test eine bedenkliche Provokation sei, die "beispiellos" sei, hieß es weiter. Sie hätten auch vereinbart, härtere UN-Sanktionen gegen Nordkorea anzustreben. Trump habe Südkorea seine Unterstützung bei der Verteidigung zugesichert.

In Seoul erklärte die südkoreanische Regierung, man richte sich auf weitere Raketentests Nordkoreas ein. Auch der Start einer neuen Interkontinentalrakete sei wahrscheinlich. Bei einem Manöver simulierten die südkoreanischen Streitkräfte einen Angriff auf Nordkorea. Zudem kündigte die Regierung an, das US-Raketenabwehrsystem THAAD trotz massiver Proteste der Nachbarn China und Russland zu stationieren.

Die US-Regierung erneuerte ihre Warnungen an die Adresse des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un. Präsident Donald Trump erklärte, die USA würden sich und Verbündete "mit allen uns zur Verfügung stehenden diplomatischen, konventionellen und atomaren Mitteln" verteidigen. Verteidigungsminister James Mattis sagte, eine Bedrohung der USA oder ihrer Verbündeten werde eine massive militärische Antwort nach sich ziehen, eine sowohl "effektive als auch überwältigende Antwort". "Wir wollen nicht ein ganzes Land auslöschen. Aber (...) wir haben viele Möglichkeiten, es zu tun", drohte Mattis. Kim hat für den Fall eines Angriffs wiederholt mit Gegenschlägen auf die USA gedroht und zuletzt einen Raketenbeschuss von Guam angekündigt, einem US-Militärstützpunkt im Pazifik.

Die weitgehend isolierte nordkoreanische Führung treibt die Entwicklung sowohl von Atomwaffen als auch von Trägerraketen voran. Der sechste Atomtest am Sonntag war deutlich stärker als frühere. Nach nordkoreanischen Angaben wurde dabei erfolgreich eine Wasserstoffbombe gezündet.

Theoretische Reichweiten nordkoreanischer Raketensysteme, geschätzt und hochgerechnet

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