Das Großmanöver Sapad-17 in Russland und Weißrussland geht am Mittwoch zu Ende. Und es sieht ganz so aus, als ob die Welt auch übermorgen noch stehen wird. Die aufgeregten Gemüter, die uns seit einem halben Jahr weiszumachen suchten, die Militärübung der beiden in der Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit verbündeten Staaten sei eine Art Auftakt zum Dritten Weltkrieg, haben wieder einmal grundlos Alarm geschlagen.

Und was war da alles zu hören und zu lesen. Russland bereite einen Angriffskrieg vor. Es probe die Übertretung roter Linien. Wladimir Putin, der Meister des Hybridkrieges, werde wieder einmal ein Manöver in eine Offensiv-Unternehmung übergehen lassen. Weißrussland werde die nächste Krim. Zapad-17 sei ein "trojanisches Pferd", sagte Frederick B. Hodges, der amerikanische Oberkommandierende in Europa; das war noch die zurückhaltendste Einschätzung, basierend auf der Befürchtung, die Russen würden Truppen, Waffen und Kriegsgerät in Weißrussland zurücklassen. Machen wir's halblang.

Russland besteht aus vier Militärbezirken, Fernost, Mitte, Kaukasus und West. In einem wird jedes Jahr ein großes Manöver abgehalten. Alle vier Jahre ist der Westen – "Sapad" auf Russisch – an der Reihe. So war es 2000 und 2013, und so ist es auch jetzt wieder gewesen. Dreierlei stach den Besorgten besonders diesmal in die Augen:

  •  Die Zahl der gemeldeten Teilnehmer liegt, schlau kalkuliert, um 300 unter der Grenze von 13.000, jenseits der die Zulassung ständiger OSZE-Beobachter zur Pflicht macht: 12.700 Mann, davon 7.200 Weißrussen und 5.500 Russen (von denen 3.000 auf Weißrussischem Gebiet eingesetzt werden).
  • Insgesamt sollen mehr als 100.000 Militärs an parallelen Alarm- oder Verlegeübungen beteiligt sein, die dem Manöver zugeordnet werden.
  • Das Manöver ist größer angelegt als die Militärübung, mit der 1981 Wojciech Jaruzelski unter Druck gesetzt wurde, das Kriegsrecht auszurufen. Soll Weißrusslands autokratischer Präsident Lukaschenka gleichermaßen bedrängt werden, damit er den Russen einen langersehnten Fliegerhorst überlässt oder eine starke russische Militärgarnison akzeptiert?


Zu jedem dieser drei Punkte lässt sich einiges anmerken.

1. Zu einem Tagesaufenthalt hat auch Russland Beobachter eingeladen, während die Weißrussen sie großzügig zulassen. Der politisch unabhängige russische Sicherheitsexperte Alexander Golts hat für die Haltung Moskaus eine eher unschuldige Erklärung: Die russische Armee sei mitten im Umbau und daher nur bedingt einsatzbereit. Das möchte man, so Golts, vor ausländischen Beobachtern vielleicht lieber verbergen. Im Übrigen: Wir haben das Jahr 2017. In einer Zeit, in der Satellitenkameras einen Pingpong-Ball von einem Tennisball unterscheiden können, braucht die Nato nicht unbedingt Beobachter mit Feldstechern, um festzustellen, was die russischen Einheiten treiben.

2. Die über 100.000 aber? Da hat eine Ende vorigen Jahres bekannt gewordene Excel-Tabelle ziemliche Unruhe ausgelöst, wonach das Moskauer Verteidigungsministerium für Sapad 4.162 Eisenbahnwaggons angefordert hat. Michael Kofman vom Center of Naval Analyses hat vorgerechnet, dass für ein Bataillon 80 bis 100 Waggons benötigt werden; die daraus resultierende Zahl von 40 bis 50 Bataillonen ist seiner Ansicht nach keineswegs spektakulär. Außerdem weist Kofman darauf hin, dass die Russen nicht nur reguläre Armeeeinheiten einsetzen, sondern auch die Baltische Flotte, die Schwarzmeerflotte, die neue Nationalgarde des Innenministeriums, den Zivilschutz und Territorial-Einheiten zur Infrastrukturverteidigung. Mitgezählt wird ferner alles, was auf einen Schießplatz abkommandiert wird oder auch nur in den Kasernen sitzt und Daumen dreht. Überdies sind die Truppen zwischen Kaliningrad und der Arktis-Halbinsel Kola auf einen riesigen Raum verteilt. Kofmans Schluss: "Nichts spricht dafür, dass bei Sapad 2017 Hunderttausend russische Soldaten an den Grenzen zur Nato stehen."

3. Es deutet auch nichts darauf hin, dass Russland seine Manövertruppen samt ihrem Kriegsgerät nicht wieder aus Weißrussland abziehen will. Der Autokrat Lukaschenka wacht eifersüchtig über die Souveränität von Belarus. Auch lässt sich mit 3.000 Mann ein Land nicht beherrschen. Die Befürchtungen, dass die Russen das Sapad-Manöver als Rauchvorhang benutzen, hinter dem sie Weißrussland mit einem Hybrid-Unternehmen à la Krim in ihre Botmäßigkeit zwingen, waren ein Ausfluss völlig übertriebener Bedrohungsängste. Putin hat in Syrien und in Korea genug am Hals. Und was Polen und das Baltikum angeht, so weiß er: Sie sind nicht Georgien oder die Ukraine. Sie gehören zur Nato. Deren vier Bataillone würden im Ernstfall binnen drei Tagen überrannt, aber das würde einen Atomkrieg auslösen. Dieses Risiko wird er so wenig eingehen wollen, wie Chruschtschow und Breschnew es im Falle West Berlins taten.

Es ist richtig, dass Moskau mehr Manöver abhält als die Nato; vielleicht hat es dies nach all den Wehrstrukturreformen nötig. Aber der Westen kann da ganz gut mithalten, auch bei den Großmanövern. An der polnischen "Anakonda 2016" nahmen 31.000 Soldaten mit 3.000 Fahrzeugen aus 24 Nato-Staaten teil, darunter eine US-Division. Im Juli übten jetzt in "Saber Guardian 17" 25.000 Mann, Amerikaner und Verbündete, im Raum Ungarn-Rumänien-Bulgarien. Zur gleichen Zeit wie Sapad lief in Schweden "Aurora 17" – kein Nato-Manöver, aber eine Übung, an der sich 20.000 Mann aus neun Ländern beteiligten, darunter 1.450 US-Soldaten und Truppen aus mehreren Nato-Staaten.

Wachsamkeit ist am Platze. Die Nato muss alles tun, um die Sicherheit ihrer östlichen Mitglieder zu verbürgen. Aber sie sollte sich davor hüten, deren Traumata zum Maßstab ihres Handelns zu machen, und schon gar nicht deren Hysterie (Polens Präsident Duda: "Wir bereiten uns auf einen Überfall vor"). Zum Glück haben die Bündnis-Oberen besonnen reagiert. "Wir glauben nicht, dass eine unmittelbare Bedrohung von Nato-Mitgliedern besteht", sagte Generalsekretär Stoltenberg. General Hodges pflichtete ihm bei: "Wir sind gewappnet. Doch wir werden nicht die Zinnen und Wehrgänge bemannen und darauf warten, dass etwas passiert."

Indessen ist es höchste Zeit, dass das Verhältnis in Russland nicht bloß der nordatlantischen Militärallianz überlassen wird. Sie ist gefragt, wo der Kreml auf Konfrontation aus ist. Aber die Politik muss sich endlich den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Kooperation zuwenden: der Rüstungskontrolle etwa und, weit darüber hinaus, der Frage nach der künftigen Weltordnung und dem Platz, den Europa und Russland in ihr einnehmen sollen. Für den so oft beschworenen "Dialog" ist der Nato-Russland-Rat das falsche Gremium. Er mag militärisches Klein-Klein wie Manöver behandeln. Für die großen Perspektiven ist sein Blickfeld jedoch zu eng.