Der Whistleblower Edward Snowden sieht die US-Präsidentschaft Donald Trumps als Ergebnis eines "Systemversagens", für das die US-Geheimdienste maßgeblich verantwortlich seien. Behörden wie die NSA oder die CIA hätten seit Jahren die Bedrohung durch Terror künstlich aufgebaut, um ihren weltweiten Überwachungsapparat ausweiten zu können, sagte Snowden dem Spiegel. Dadurch sei eine "Kultur der Angst" entstanden. "Wie sonst soll man Trump erklären denn als ein Systemversagen der Vernunft?", so Snowden.

Er habe allerdings "immer noch Vertrauen, dass sich die Dienste reformieren können", sagte der 34-jährige US-Amerikaner, der seit Jahren im Exil in Moskau lebt. "Ich habe nicht dafür gekämpft, die NSA oder die CIA niederzubrennen. Ich finde sogar, dass sie eine nützliche Rolle in der Gesellschaft spielen. Aber nur, solange sie die wirklich wichtigen Bedrohungen gegen uns bekämpfen und dafür Methoden benutzen, die uns am wenigsten schaden. Wir schießen ja auch nicht mit Kanonen auf Spatzen. Alle kapieren das, nur nicht die Geheimdienste." 

Snowden warnte zugleich vor einer immer engeren Kooperation staatlicher Überwachungsbehörden mit privaten Konzernen. "Natürlich können Firmen der Regierung bei Terrorermittlungen helfen", so der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter. "Aber ich fände es gefährlich, wenn wir sagten: Hey, Google, du bist jetzt der Sheriff des Internets. Du entscheidest, wo Gesetze gebrochen werden." Es sei ohnehin bedenklich, dass die Chefs großer Internetkonzerne immer unverhohlener politische Ambitionen geltend machten. Wenn Menschen wie Facebookchef Mark Zuckerberg ernsthaft ins nächste US-Präsidentschaftsrennen einsteigen wollten, müsse man fragen: "Wollen wir zulassen, dass die Firma, die weltweit die größte Präsenz in den sozialen Medien hat und nun auch klare politische Ambitionen, darüber entscheidet, was eine zulässige politische Rede ist und was nicht?" 

"Ich bin kein russischer Spion"

Snowden verwahrte sich auch gegen Vorwürfe, mit den Geheimdiensten in seinem Exilland Russland zu kooperieren. Der Whistleblower, der seit vier Jahren im Exil in Moskau lebt, sagte, "nein, ich bin kein russischer Spion". Eine solche Tätigkeit hatte laut Spiegel Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen als plausibel bezeichnet.

Zugleich zog Snowden in Zweifel, dass allein Russland hinter den Hackerangriffen auf die Demokratische Partei im US-Präsidentschaftswahlkampf gesteckt habe. Das FBI habe keine Beweise vorgelegt, obwohl er vermute, dass es sie gebe, sagt der Ex-Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA. "Die NSA weiß wohl ziemlich genau, wer bei Clinton die Eindringlinge waren. Aber ich vermute, dass sie in den Systemen noch andere Angreifer entdeckt hat, da waren vielleicht sechs oder sieben Gruppen am Werk." Er glaube, dass eine "ganz bestimmte Geschichte" über Russland erzählt werden solle.

Snowden erhob auch Vorwürfe gegen Union und SPD. Die deutschen Regierungsparteien hätten mit einer "Lüge" seine Aussage im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags verhindert, indem sie behaupteten, er sei nur gegen die Zusicherung von Asyl bereit zur Auskunft gewesen. Es sei den Koalitionsparteien darum gegangen, "allzu beschämende Enthüllungen" zu unterbinden, so Snowden.