Roselys Alfonso brauchte drei Tage, um ihre Heimat hinter sich zu lassen. So lange dauerte die Busfahrt von Venezuela durch Kolumbien nach Ecuador. Die 28-jährige Bauingenieurin verließ ihre Heimatstadt Guanta im nordöstlich gelegenen Bundesstaat Anzoátegui vor einem Monat, weil sie es zu Hause nicht länger aushielt. "Bei den Protesten gegen die Regierung sind mehr als 100 Menschen gestorben, aber nichts hat sich geändert", sagt sie. "Die Dinge verschlechtern sich täglich. Die Preise von heute sind morgen um ein Vielfaches höher."

Die Wahl zur verfassunggebenden Versammlung vom 30. Juli, die Präsident Nicolás Maduros Macht festigte und den Weg ebnete für ein Ende der Gewaltenteilung, zerstörte Roselys allerletzte Hoffnung, es könne sich etwas verbessern. Da bestieg sie den Bus.

Wie sie verlassen viele das Land. Sie fliehen vor einer korrupten Regierung, Gewalt und Hunger. Viele wandern früher aus als ursprünglich geplant. Wenn sie noch länger warten, könnte es ihnen irgendwann unmöglich sein, das Land zu verlassen, fürchten sie. Auch Roselys zog ihre Ausreise vor.

Die Mehrheit, rund 340.000 Menschen bisher, geht in den Nachbarstaat Kolumbien. Rund 200.000 Venezolanern wurde dort ein Sonderaufenthaltsstatus gewährt, der Rest lebt illegal im Land.  Andere nutzen Kolumbien nur als Zwischenstation, so wie Roselys, die nach Quito zog. Auch in Ecuador steigt die Zahl der Neuankömmlinge aus Venezuela: Während laut der Tageszeitung El Universo im Juni 800 Venezolaner täglich mit dem Bus in die Provinz Carchi einreisten, an der ecuadorianisch-kolumbianischen Grenze, waren es im Juli bereits rund 2.000 pro Tag.

Wer bleibt, hat kein Geld für die Reise

Roselys Alfonso © privat

Früher hätte Roselys nie daran gedacht, ihre Heimat zu verlassen. Die junge Venezolanerin träumt davon, eine Familie zu gründen, ein eigenes Haus und ein Auto zu besitzen. In ihrem Heimatland ist das derzeit unvorstellbar. Mit einer langjährigen Freundin zog sie nach Ecuador, weil beide dort gute Freunde haben, die bereits vor zwei Jahren emigrierten. In ihrem Bekanntenkreis seien viele in den vergangenen Monaten ausgewandert, sagt die junge Frau. Wer jetzt noch in Venezuela bleibe, der tue das nur, weil ihm das Geld für die Ausreise fehle.

Allein in den letzten beiden Jahren haben mehr als eine halbe Million Menschen Venezuela verlassen. Früher nahmen viele das Flugzeug: in die USA, nach Mexiko, Spanien oder Argentinien. Doch inzwischen ist das nicht mehr so einfach, denn wegen der Krise haben viele Airlines Flugrouten gestrichen oder steuern Venezuela gar nicht mehr an. Und die Inflation hat die Tickets unbezahlbar werden lassen.

Agustín González aus der Stadt Guatire, eine Stunde östlich von Caracas gelegen, hatte Glück. Der 28-jährige ging schon vor zwei Jahren mit seiner Freundin nach Buenos Aires. Eigentlich war er Anfang 2015 nur nach Buenos Aires gereist, um sich die Stadt anzusehen. Zwar dachte er schon daran, sein Land zu verlassen, aber er steckte noch mitten im BWL-Studium: Bis zum Abschluss wollte er noch warten. Doch als er nach seiner Reise am Flughafen in Caracas ankam, wurde sein Koffer mit allen Wertsachen gestohlen. "Das war der Moment, indem ich beschloss, so schnell wie möglich auszuwandern."