Glaubt man Marina Kim, einer russischen Fernsehreporterin, dann ist Nordkorea ein ganz normales Land. Für ihre Reportage im russischen Frühstücksfernsehen ist die Moderatorin quer durch Nordkorea gereist. In Sachen Mode könne Nordkorea locker mit Italien oder Paris mithalten, so ihre Einschätzung. Die Restaurants der Hauptstadt Pjöngjang servierten vielfältige Delikatessen. Und natürlich würden sich auch die Nordkoreaner gerne ihre Zeit mit Smartphones vertreiben, wie überall auf der Welt. Ihr Fazit: Die Lage in dem Land sei gar nicht so schlimm, wie es der Westen darstelle. Alles ganz harmlos.

Nur zu gut passen Kims Reportagen im russischen Staatsfernsehen zu der großen Werbekampagne, mit der Nordkoreas Diktator Kim Jong Un wiederum seine Nachbarn im Norden betören will ­ – auch wenn die russische Reporterin behauptet, sie habe die Reise auf eigene Faust unternommen und lange mit den Behörden in Nordkorea verhandeln müssen. Nordkoreas Baufirmen, die sich an großen Projekten in Russland beteiligen, lassen regelmäßig Lobeshymnen auf den Herrscher in Pjöngjang in russischen Zeitungen als Anzeigen drucken.

Die Reiseagentur Nkorean lockt seit Kurzem auch russische Touristen ins Land. Und Duma-Abgeordnete wie Alexej Didenko, Mitglied der pseudooppositionellen LDPR-Partei, schwärmen von den "Leistungen der Volkswirtschaft" Nordkoreas. "Wer selbst nicht dort gewesen ist, dem fällt es schwer, das zu glauben, aber es ist so", sagte er kürzlich nach einer Korea-Visite. Auch digital werden Bande geknüpft: Vor Kurzem hat der russische Internetanbieter TransTelecom eine zweite Internetleitung für das international geächtete Land auf die Beine gestellt.

Die neue russisch-nordkoreanische Liaison folgt einem nüchternen Kalkül: Pjöngjang sucht dringend neue Verbündete. Wegen seines Atomprogramms ist das Regime international isoliert, die internationale Gemeinschaft hat bereits eine Reihe von harten Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Die Beziehungen zu China, dem bisherigen wichtigsten Verbündeten, sind in den vergangenen Wochen merklich abgekühlt.

Nun bringt sich Kremlchef Wladimir Putin als Alternative und als neuer Anwalt des geächteten Regimes ins Spiel. Sanktionen gegenüber Nordkorea würden das Land nicht dazu bringen, sein Atomprogramm aufzugeben, ist er sich sicher. "Sie würden lieber Gras essen, statt auf das Atomprogramm zu verzichten, solange sie sich nicht in Sicherheit fühlen", erklärte Russlands Präsident im September. Und auch der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu sah noch im Frühjahr vor allem das "amerikanische Streben nach weltweiter Führerschaft" als destabilisierenden Faktor auf der koreanischen Halbinsel.

Zwar hat Russland in der Vergangenheit Beschlüsse und Sanktionen der Vereinten Nationen in Sachen Nordkorea mitgetragen, etwa den UN-Beschluss 2270, der den Waffenexport nach Nordkorea und den Import von nordkoreanischen Rohstoffen wie Erzen und Gold einschränkt. Und Mitte Oktober schloss sich Russland mit weiteren Sanktionen einer UN-Resolution an. Aber all diese Handelsbeschränkungen sind für die russische Wirtschaft wenig schmerzhaft: Mit der wenigen Kohle, die russische Unternehmen auf die Halbinsel exportieren, lässt sich kaum Geld verdienen. Insgesamt beliefen sich die russischen Exporte auf weniger als 60 Millionen Euro im vergangenen Jahr.