Vor dem hochmittelalterlichen Palau de la Generalitat, dem Sitz der Regionalregierung in Barcelona, hält ein einsamer Demonstrant eine Unabhängigkeitsfahne hoch. Vor seiner Brust prangt ein Pappschild, darauf drei Buchstaben: DUI! Das Kürzel steht für Declaració Unilateral d'Independència, "einseitige Unabhängigkeitserklärung". 

Diese Forderung macht einem anderen Mann am gleichen Platz schwer zu schaffen: Der katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont muss sich bis Donnerstag um zehn Uhr entscheiden, ob er sich klar zu einer einseitigen Unabhängigkeit der Region im Nordosten Spaniens bekennt und damit die Erwartungen der radikalsten Sezessionisten erfüllt. Ob er weiter im Ungefähren bleibt. Oder ob er zurückrudert, damit seine Unterstützer vergällt, aber Katalonien vor Strafmaßnahmen der Madrider Regierung rettet – und sich selbst vor möglichen Haftstrafen. Wie es dem Ministerpräsidenten geht? "Er arbeitet", sagt knapp der Portier und blickt wieder in die Zeitung.

Einen Tag vor Ablauf des Ultimatums schwankt die Stimmung in Barcelona zwischen Resignation und steigender Empörung über die neuesten Nachrichten aus Madrid: Gegen die Präsidenten der beiden großen katalanischen Unabhängigkeitsorganisationen Òmnium Culturalund Asamblea Nacional ist wegen "aufrührerischer Tätigkeiten" Haftbefehl erlassen worden. Sie sollen bei einer Kundgebung am 20. September Demonstranten angestachelt haben, die  Polizisten der Nationalgendarmerie einzukesseln. Auf "aufrührerische Tätigkeiten" stehen in Spanien bis zu 15 Jahre Haft. 

Regionalpräsident Puigdemont spricht von politischer Justiz in Madrid, die Unabhängigkeitsbewegung hat zu einer Arbeitsniederlegung um die Mittagszeit aufgerufen, am Abend will man mit Kerzen in der Hand eine der Hauptverkehrsadern blockieren.

Puigdemonts Bündnis ist intern zerstritten

Die Stimmung zwischen Madrid und Barcelona verschlechtert sich also weiter. Unabhängig davon halten Kommentatoren es inzwischen für unvermeidlich, dass in Katalonien bald Neuwahlen stattfinden. Denn egal wie sich Puigdemont in Sachen Unabhängigkeit entscheidet: Eine Auflösung des katalanischen Parlaments steht kurz- bis mittelfristig bevor. Offen ist nur noch die Frage, ob der katalanische Ministerpräsident sie selbst einleitet oder Madrid das für ihn übernimmt.

Wenn sich Puigdemont bis Donnerstag nicht klar von seiner halben Unabhängigkeitserklärung abwendet, wird Spaniens konservativer Regierungschef Mariano Rajoy den Artikel 155 der spanischen Verfassung anwenden. Damit kann die Region Katalonien unter Zwangsverwaltung gestellt und wohl auch zu Neuwahlen des Regionalparlaments gezwungen werden. Die liberale Bürgerpartei Ciudadanos empfiehlt das Rajoy schon seit Tagen. 

Doch in Barcelona könnte Puigdemont auch die Wahlen selbst ausrufen. Denn sein Regierungsbündnis, das mit dem Ziel antrat, Katalonien von Spanien zu lösen, ist inzwischen zerstritten: Die DUI ist das Lieblingsszenario der linksradikalen Partei CUP, die Puigdemonts Regierung stützt, und auch von Teilen der linksrepublikanischen ERC, die bei den Regionalwahlen 2015 auf der gleichen Wählerliste wie Puigdemonts Partei antraten. In der Logik der radikalen Unabhängigkeitskämpfer ist eine "harte" Loslösung von Spanien die einzige Möglichkeit, den Katalonienkonflikt auf die internationale Tagesordnung zu setzen: Wenn Katalonien sich für unabhängig erklärt, dann müsse die internationale Staatengemeinschaft sich schon dazu positionieren. Wenn Spanien in Reaktion darauf vor den laufenden Kameras der Weltöffentlichkeit den katalanischen Ministerpräsidenten verhaften lässt, dann werde Europa schon eingreifen.

Ob dieses Kalkül wirklich aufgehen würde, ist fraglich: Die Bilder von den prügelnden Nationalpolizisten beim Referendum am 1. Oktober erschütterten zwar die öffentliche Meinung, politische Unterstützung von der EU für die katalanische Causa gibt es deswegen noch lange nicht. Aus Puigdemonts Partei – der eher gemäßigten PDeCAT – waren zuletzt eher gemäßigte Töne zu hören. Inzwischen fordern selbst prosezessionistische Zeitungen wie die in Barcelona erscheinende Ara in ihren Editorials eine Abkehr vom einseitigen Vorpreschen in Sachen Unabhängigkeit.