Es fühlt sich alles schrecklich vertraut an: Die Russland-Affäre bestimmt erneut die Schlagzeilen, bereits am Montag könnte Sonderermittler Robert Mueller erste Verhaftungen vornehmen. Medienberichten zufolge soll es sich um den ehemaligen Berater Paul Manafort handeln. Und was macht Donald Trump? Er antwortet mit einer abscheulichen Schimpftirade auf Twitter. Der amtierende US-Präsident deutet an, die Ermittlungen im Extremfall komplett zu stoppen. Und wir sitzen vor unseren Bildschirmen, fürchten, dass alles noch schlimmer wird, und hoffen gleichzeitig wider besseres Wissen, das irgendjemand kommt und dieses unsägliche Spektakel beendet.

Dabei sollten wir mittlerweile genau wissen, was als Nächstes passiert. Denn wir haben es seit der Amtsübernahme von Donald Trump erlebt, wieder und wieder. Das Weiße Haus deutet an, dass demokratische Prinzipien – in diesem Fall unabhängige Ermittlungen – notfalls gekippt werden. Experten verkünden dann im Fernsehen, dass Trump niemals etwas so Verrücktes tun wird. Er würde nie damit durchkommen, eine rote Linie so dreist zu überschreiten, versichern sie.

Doch Trump tut es, das Verrückte. Rote Linien werden erst orange, dann gelb und dann grün. In beängstigendem Tempo wird so etwas zu politischen Normalität, was vor kurzem noch unvorstellbar war. Aber wir glauben trotzdem beim nächsten Mal: Diese rote Linie wird er in keinem Fall überschreiten! Oder doch?

Niemand wird Trump einfach so stoppen

Es ist an der Zeit, unsere Erwartungen anzupassen. Erstens: Es wird kein Punkt kommen, an dem Trump auf wundersame Weise irgendwie von irgendwem gestoppt wird. All denen, die glauben, Trump würde niemals Mueller rauswerfen, weil er gegen ihn ermittelt, der hat den US-Präsidenten bis heute nicht verstanden. Und wer denkt, der Kongress würde das im Notfall schon irgendwie verhindern, hat in den vergangenen Monaten einfach nicht aufgepasst.

Zweitens müssen wir, statt vor unseren Bildschirmen zu kleben, alles tun, damit die roten Linien gar nicht erst überschritten werden. Wir müssen unsere gemütliche Verteidigungshaltung aufgeben. Anstatt darauf zu warten, dass Trump wieder eine Grenze überschreitet – hoffend, dass sich die Konsequenzen wie von selbst ergeben – müssen wir antizipieren, was er tun wird. Wir müssen uns organisieren, um ihn zu einem Kurswechsel zu zwingen. Und wir müssen sicherstellen, dass er einen hohen Preis zahlt, falls er sich weigert.

Die Menschen, die dazu am besten in der Lage wären, sitzen traurigerweise im Weißen Haus und im Senat. Alle Kongressmitglieder, denen die amerikanische Demokratie wichtig ist, müssen darlegen, was sie zu tun gedenken, falls Trump Robert Mueller feuert oder dessen Angeklagte begnadigt. "Ryan, McConnell, Pelosi und Schumer müssen klarmachen, dass der Kongress hart reagieren wird, sollte Trump Mueller feuern oder seine Ermittlungen behindern. Dazu gehört auch ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten", sagt Ian Bassin, Direktor der NGO Protect Democracy.