Für Europa sind dies ernüchternde Wochen. Nationalisten, Regionalisten, Separatisten, Populisten und Protektionisten sind emsig dabei, das große Werk eines geeinten Kontinents in lauter kleine Stücke zu hauen. Man kann Angst bekommen angesichts all der Ängste um uns herum.

Nicht, dass Deutschland frei davon wäre. Im Bundestag haben soeben 94 Abgeordnete der AfD ihre Plätze eingenommen, auch ihre Wahl Ausdruck großer Angst – vor dem Neuen, vor dem Fremden, vor dem Konkurrenzdruck der Globalisierung und vor dem Verlust von Geborgenheit.

Europa trauen es die Wähler von AfD und FPÖ, von Front National und Lega Nord nicht zu, sie vor diesem Verlust zu schützen. Deshalb suchen sie Zuflucht im Vertrauten. Für die meisten ist dies der Nationalstaat, für immer mehr ist es die Region. Nicht zufällig ist Heimat das Wort der Stunde.

Die Briten wollen sich von Brüssel lossagen, die Katalanen von Madrid, die Lombarden und Venezier von Rom. Natürlich, überall gibt es Vernünftige, die den Weg zurück in die Kleinstaaterei und den Provinzialismus nicht mitgehen. Aber den Ton geben derzeit diejenigen an, die das Glück in der Vergangenheit suchen. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán erklärt Mitteleuropa zur "migrantenfreien Zone", und in Tschechien gewinnt der Milliardär Andrej Babiš die Parlamentswahlen mit Tiraden gegen die EU.

Aus Berlin nur Höflichkeitsapplaus

Schon ist von einem neuen Ostblock innerhalb der Europäischen Union die Rede. Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei wollen allesamt keine Flüchtlinge aufnehmen. Schließt sich ihnen demnächst Österreich an, wo der fesche Sebastian Kurz gerade eine Koalition mit der stramm rechten FPÖ-Truppe um Heinz-Christian Strache schmiedet?

Einer immerhin stemmt sich dem grassierenden Populismus entgegen. Emmanuel Macron versucht die Europäer davon zu überzeugen, dass die Souveränität des Nationalstaats oder gar der Region in einer globalisierten Welt eine Schimäre ist. Dass allein Europa als Ganzes die Interessen seiner Bürger gegen den Machtanspruch und die Wirtschaftskraft Amerikas, Chinas oder Russlands verteidigen kann.

In seiner großen Rede an der Sorbonne hat Frankreichs Staatspräsident der europäischen Idee eine neue Stimme gegeben. Nichts Geringeres ist Macrons Ziel als die "Neubegründung eines souveränen, geeinten und demokratischen Europa". Denn: "Das Europa, wie wir es kennen, ist zu schwach, zu langsam, zu ineffizient."

Macron fordert, mehr Verantwortung auf Europa zu übertragen: in der Verteidigungspolitik, bei der Terrorismusbekämpfung, bei Migration und Asyl. Vor allem aber in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, durch eine engere Koordinierung zwischen den Hauptstädten und am Ende durch einen gemeinsamen Haushalt und einen gemeinsamen Finanzminister für die Eurozone.

Aber wo bleibt die Antwort aus Berlin? Mehr als Höflichkeitsapplaus war von Angela Merkel nach Macrons Rede nicht zu vernehmen. Zu Recht fordert Jürgen Habermas im Spiegel, "die nächste deutsche Regierung (sofern überhaupt noch einer Lust dazu hat), muss den Ball des französischen Präsidenten, der nun in ihrem Feld liegt, aufnehmen. Schon eine Politik des bloßen Aufschiebens oder Unterlassens würde genügen, um eine historisch einzigartige Chance zu verspielen."

Nichts, rein gar nichts ist in Berlin zu spüren von dem Enthusiasmus, mit dem Macron die europäische Idee neu beleben möchte. Stattdessen bleierne Routine. Angela Merkel ist nach ihrem Wahlsieg, der aus Sicht vieler Parteifreunde eine schwere Niederlage war, angeschlagen. Die Müdigkeit und der Verdruss stehen ihr ins Gesicht geschrieben.