Er könnte über seine Pläne für Europa sprechen, über einen gemeinsamen Wirtschaftsminister der EU-Staaten zum Beispiel, über eine zentrale Asylbehörde, oder über eine europäische Armee, wie sie sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wünscht. Aber Jean-Claude Juncker, Chef der Europäischen Kommission, spricht lieber über Waldbrände.

Juncker steht am Donnerstagabend auf einer Bühne im Brüsseler Justus-Lipsius-Gebäude, das erste Arbeitstreffen des EU-Gipfels ist gerade zu Ende gegangen. Die 28 Staats- und Regierungschefs aller Mitgliedsländer haben mehrere Stunden über Migration, Digitalisierung und Verteidigungspolitik gesprochen. Es sind große Herausforderungen für Europa, und es stehen große Lösungen zur Diskussion. In seinem Drei-Minuten-Statement streift Juncker diese Themen jedoch lediglich. Stattdessen redet er vor allem über die Brände, die seit Tagen in den Wäldern von Portugal und Spanien wüten, und über die zu langsam anlaufende Hilfe.

Nicht, dass die Feuer und Toten auf der Iberischen Halbinsel unbedeutsam wären: Dass sich Juncker kaum auf die großen Reformen und Projekte bezieht, um die es bei dem EU-Gipfel im Kern gehen soll, ist trotzdem bemerkenswert. Es zeigt auch, wie auf europäischer Ebene Politik gemacht wird und gemacht werden muss: in kleinen Schritten, in Ankündigungen und Annäherungen. Visionen hingegen haben es schwer, wenn sie von 28 Staaten geteilt werden müssen.

Mehr Zeitpunkte als Inhalte

So beziehen sich die Ergebnisse des ersten Gipfeltags auch mehr auf Zeitpunkte denn auf Inhalte. Bis Ende des Jahres will die EU die Grundlagen einer gemeinsamen Verteidigungspolitik legen – konkrete Pläne dazu könnten auf dem nächsten Treffen Mitte Dezember beschlossen werden. Darunter fällt beispielsweise ein Programm, die Rüstungsprojekte verschiedener Länder zu bündeln, um die Armeen technisch zu vereinheitlichen. 2019 sollen die ersten gemeinsamen Deals von der EU gefördert werden, heißt es dazu in der Abschlusserklärung des Gipfels.

Beim größten Streitthema – den Flüchtlingen und ihrer Aufteilung innerhalb Europas – wollen die Staats- und Regierungschefs bis Sommer 2018 eine Lösung finden. Klar ist bislang nur: Die Mittelmeerroute soll schnellstmöglich geschlossen werden, indem die EU mehr Geld nach Nordafrika schickt. Und die Länder an den südlichen Außengrenzen Europas sollen entlastet werden.

Andere Staaten, vor allem in Osteuropa, sollen hingegen nach einem festen Schlüssel mehr Menschen aufnehmen – sonst drohen ihnen finanzielle Strafen, wie der Bürgerrechtsausschuss des Europäischen Parlaments kurz vor dem EU-Gipfel beschlossen hatte.

Das Dublin-Abkommen steht vor dem Aus

Derzeit klagen vor allem Griechenland und Italien über eine zu hohe Belastung. Nach den Dublin-Verträgen müssten sie theoretisch sämtliche Flüchtlinge zunächst behalten, die über ihr Land erstmals die EU erreichen. Spätestens seit Sommer 2015 scheitert dieser Mechanismus aber in der Praxis; im kommenden Sommer wird er nun wohl auch in der Theorie abgeschafft. "Wir sind uns einig, den italienischen Ministerpräsident Gentiloni stärker zu unterstützen bei der Arbeit seines Landes", sagt Donald Tusk, der den Europäischen Rat leitet.

Gleichzeitig verspricht Tusk, das neue Asylsystem einstimmig zu beschließen – also auch mit den Stimmen von Ungarn oder Polen. Die Regierungen beider Länder weigern sich jedoch bis heute, auch nur einen Flüchtling im Rahmen der europäischen Umverteilung aufzunehmen. Wie Tusk sie umstimmen will? Konkrete Antworten nennt er nicht – nur den Zeitpunkt, bis zu dem die Einigung festgezurrt sein soll: "Mitte 2018".

Auch beim Thema Digitalisierung begnügt sich das Gremium mit vagen Ankündigungen. Die Daten europäischer Bürger sollen künftig besser geschützt werden, digitale Schranken im Urheberrecht zwischen den Mitgliedsländern verschwinden – dann könnte man auch in Spanien das Fernsehprogramm der ARD streamen. Konkrete Maßnahmen dafür dürften im Dezember folgen.