Sina ist gekommen, um sich über die FPÖ schlauzumachen. Die Wienerin ist 22 und sucht nach einer neuen politischen Heimat. Deshalb steht die Studentin, die in Wahrheit anders heißt, vor einem blauen Sonnenschirm am Einkaufszentrum. Hinter ihr rauscht der Verkehr, dazwischen rumpelt die Trambahn. Sie bringt die Pendler aus der Innenstadt in den Wiener Südwesten. "Und, wie seid ihr so drauf?", fragt sie einen der vier Wahlkampfhelfer, während sie Passanten blaue Feuerzeuge und Plüschbären in die Hand drücken. Und sie schiebt nach: "Auf Nazis hätte ich nämlich gar keine Lust."

Die Frage stellen sich derzeit viele in Österreich: Wie ist die FPÖ drauf? Immerhin dürfte am Sonntag etwa ein Viertel der Wähler für die Freiheitliche Partei Österreichs stimmen. Sozialdemokraten und Konservative haben eine Koalition nicht ausgeschlossen. Die Partei gilt als eine der ersten, die in Europa den Rechtspopulismus für sich entdeckten. Gegründet wurde sie von einem SS-Brigadeführer für deutschnationale Österreicher, bei denen die Nachkriegsrepublik Phantomschmerzen auslöste. Einmal an der Regierung, brachte sie 14 EU-Staaten dazu, Sanktionen gegen Österreich zu verhängen.

"Ach, keine Sorge, hier sind wir alle Arbeiter", beschwichtigt einer der Helfer. Hier, damit meint er vor allem das Wien jenseits des Zentralfriedhofs. Das Wien hinter der letzten U-Bahn-Haltestelle, wo Arbeiter die Mieten noch bezahlen können. Früher war das mal der dunkelrote Fleck innerhalb des ohnehin schwer roten Wiens – heute regiert ein FPÖ-Mann den Bezirk.

Sina ist neugierig. Sie war vorher bei der ÖVP, der konservativen Volkspartei von Außenminister Sebastian Kurz. Aber das habe nicht so gepasst. "SPÖ und FPÖ zusammen, das wäre das Arbeiterparadies", sagt sie.

Tatsächlich haben die Sozialdemokraten mit dem Jahrzehnte alten Diktum gebrochen: keine Koalition mit der FPÖ. Kanzler und SPÖ-Chef Christian Kern hat stattdessen einen Kriterienkatalog vorgelegt. Sollte sich die FPÖ zu Europa bekennen, den Menschenrechten, sozialer Sicherheit, Gleichstellung, Bildung und Freiheit der Kunst und ein paar Punkten mehr, wäre eine Regierungsbeteiligung möglich.

Kern wollte der FPÖ damit das Image der Schmuddelkinder nehmen. Weil sich die Rechtspopulisten damit in den letzten Wahlkämpfen nämlich immer vorzüglich selbst beworben haben. Außerdem sollte endlich eine Machtoption jenseits der verhassten großen Koalition her. Machttaktisch ist das nachvollziehbar, dennoch zeigt der Schritt vor allem eins: Die FPÖ ist angekommen – in der Mitte des politischen Systems, in der Mitte des Diskurses und zunehmend auch in der Mitte der Gesellschaft.

Wie hat sie das geschafft?

"Die Partei kann heute relativ gemäßigt auftreten, weil sie ihre Themen fest besetzt hat", sagt der Salzburger Politikwissenschaftler Reinhard Heinisch. "Issue Ownership" nennen das die Fachleute. Soll heißen: Weil die Botschaften – Islam: böse; Politiker: korrupt – ohnehin so tief in den Köpfen der Menschen verwurzelt und mit der Partei assoziiert sind, reicht es, die Klaviatur nur anzuschlagen. Die FPÖ muss gar nicht mehr ausfällig werden.

Am Wahlkampfstand vor dem Einkaufszentrum ist zumindest kein Platz für Hetzreden. Arabischstämmige Jugendliche mit Gelhaaren und Goldkettchen flachsen und interessieren sich für die FPÖ-Feuerzeuge. Ein Anwohner in Jogginghose schlurft in ausgelatschten Gummi-Crocs auf den Schirm zu. Hinter der Würstchenbude vor seinem Fenster sei in letzter Zeit immer so viel Radau. Da müsse man mal was machen. Die Helfer notieren die Adresse und versprechen, die Info dem Bezirksbürgermeister weiterzugeben. Ein anderer murmelt was von zu hohen Mieten. Der Nächste, ein Grieche mit grauen Raspelhaaren, schnappt sich ein Flugblatt über das Sozialprogramm und ist begeistert: "Schau mal, Schatz, die sind gegen den Islam. Sehr gut!", ruft er seiner Frau hinterher.