Die türkische Armee hat eine neue Offensive in der nordsyrischen Provinz Idlib begonnen. Wie das Militär mitteilte, handelt es sich um einen "Erkundungseinsatz", der bereits seit Sonntag stattfindet. Ziel ist die Einrichtung einer Deeskalationszone, hieß es. Unterstützt wird die Türkei von Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA).

Idlib ist die letzte Region des Bürgerkriegslandes, die fast vollständig von Aufständischen beherrscht wird. Die Türkei als Unterstützer der Rebellen hatte sich Mitte September bei Verhandlungen in Kasachstan mit Russland und dem Iran, die den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad unterstützen, darauf verständigt, in Idlib eine von vier Deeskalationszonen einzurichten. Damit soll die Gewalt dort reduziert und eine Waffenruhe zwischen Rebellen und Regierungstruppen vereinbart werden.

Erdoğan: Einsatz "ohne Probleme"

Davon ausgenommen ist das Dschihadistenbündnis Hajat Tahrir al-Scham, das große Teile von Idlib kontrolliert. Beobachter rechnen deshalb mit heftigen Kämpfen, da die Extremisten zunächst aus der Region zurückgedrängt werden müssen Am Sonntag gab es bereits erste Schusswechsel an der Grenze. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sprach dennoch von einem Einsatz, der "ohne Probleme" verläuft.

Das HTS-Bündnis hatte die Einnahme der Stadt Idlib samt Umland im August als größten Triumph gefeiert. Nun gerät die Allianz um den früheren Al-Kaida-Ableger Fateh al-Scham allerdings massiv unter Druck. Erste Gruppen haben sich schon abgespalten, dem Bündnis droht die Auflösung. Experten zufolge sehen es die Rebellen in Syrien als zunehmend riskant an, mit Dschihadistengruppen wie HTS verbündet zu sein und damit zur Zielscheibe von Antiterroreinsätzen ausländischer Streitkräfte zu werden.

"Idlib wird kein Vergnügungspark"

Auch in der Bevölkerung sind die Dschihadisten nicht länger willkommen. Zwar war der Al-Kaida-Ableger nie so brutal wie die IS-Miliz, doch lehnen viele Einwohner seine radikale Auslegung des Islam ab. "Früher liebten die Leute Al-Nusra, heute hoffen sie auf die Ankunft der türkischen Armee, um der Gruppe ein Ende zu setzen", sagte ein Aktivist der Nachrichtenagentur AFP.

Außer vonseiten der Türkei steht HTS auch von Seiten Russlands unter Druck. Als die Gruppe im Süden der Provinz Idlib kürzlich eine Offensive auf die syrischen Regierungstruppen startete, flog die russische Luftwaffe eine Reihe von Luftangriffen. Wie das Verteidigungsministerium in Moskau mitteilte, wurde dabei auch der HTS-Kommandeur Mohammed al-Dscholani schwer verletzt. Die Extremisten bestreiten dies aber und geben sich auch angesichts der türkischen Offensive betont kämpferisch. Erst am Samstag warnte HTS alle "Verräter", dass Idlib für sie "kein Vergnügungsausflug" werde.