Bei der Wahl zum Unterhaus des japanischen Parlaments an diesem Sonntag wird ein Sieg für die regierende Koalition erwartet. Die Frage ist, wie groß die Unterstützung für Ministerpräsident Shinzō Abe und seine Liberaldemokratische Partei am Ende sein wird. "Die LDP und Abe können groß gewinnen und trotzdem verlieren", sagt Professor Michael Cucek von der Temple University in Tokio.       

Der Ministerpräsident hatte die Wahl zum Unterhaus, das auch den Regierungschef wählt, um gut ein Jahr vorgezogen. Er begründete seinen Schritt unter anderem damit, ein Mandat für seinen harten Nordkorea-Kurs im Einklang mit der US-Regierung von Präsident Donald Trump zu wollen. Die Opposition hingegen wirft Abe vor, durch die vorgezogenen Wahlen verhindern zu wollen, dass ihn Skandale um mutmaßliche Vetternwirtschaft im Parlament einholen. Wegen der Vorwürfe waren Abes Umfragewerte im Sommer gesunken – durch die Nordkorea-Krise haben sie sich gerade wieder erholt.

Aktuellen Umfragen zufolge dürften Abes Koalitionsparteien erneut auf eine Zweidrittelmehrheit kommen, so wie schon vor drei Jahren. Das entspräche 310 Sitzen im Unterhaus. Die Zweidrittelmehrheit wäre für Abe wichtig; denn er will Japans Verfassung ändern und braucht dafür eine entsprechend deutliche Mehrheit im Parlament. Zudem müssten die Bürger seine Pläne in einem Referendum befürworten. Ein Sieg würde auch Abes Chancen auf eine erneute Wiederwahl als Chef der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) im kommenden Jahr stärken.   

Zersplitterte Opposition

Um den zweiten Platz konkurrieren die neue liberale Partei für Konstitutionelle Demokratie (PKD) sowie die neue konservative "Partei der Hoffnung". Um 20 Uhr Ortszeit (13 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit) schließen die Wahllokale. Dann werden erste Prognosen erwartet.

Die Opposition ist zersplittert; das könnte Abe nutzen. Seine Koalitionsparteien können traditionell auf Stammwähler zählen. Die Kritiker der Regierung hingegen sind vielfach noch unentschlossen. Viele scheinen keine der oppositionellen Parteien als gute Alternative zu sehen und wählen daher am Ende doch die Regierenden, oder sie bleiben zu Hause.

Schon bei der Abstimmung im Jahr 2014 war die Wahlbeteiligung auf ein Rekordtief von 53 Prozent gesunken. Weil derzeit in Japan wegen des heftigen Taifuns Lan strömender Regen fällt, könnte die Wahlbeteiligung in diesem Jahr erneut gering ausfallen. Auch das würde Abes Koalitionsparteien nützen.

Die insgesamt 465 Sitze im Unterhaus werden über zwei Wege verteilt: 289 sind die Gewinner der Wahlen in ihren Bezirken. Der Rest der Abgeordneten wird nach dem System der proportionalen Vertretung ausgewählt. Dabei stimmen die Wähler für eine Partei ab, und die Sitze werden entsprechend der Prozentzahl für die einzelnen Parteien vergeben.