Nach der Veröffentlichung bislang gesperrter Geheimakten über die Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy machen sich Medien an die Auswertung der 2.891 Dokumente. So berichtet die Nachrichtenagentur AP von einem anonymen Anruf, den die britische Zeitung Cambridge News kurz vor den Schüssen auf den US-Präsidenten erhalten haben soll.

Demnach heißt es in einem der Dokumente, ein Anrufer habe der Zeitung am 22. November 1963 angekündigt, den USA stünden "große Nachrichten" bevor. Weiter habe der Anrufer gesagt, ein Reporter der  Zeitung solle die US-Botschaft in London anrufen. Laut dem Dokument schätzte der britische Geheimdienst MI5, dass der Anruf etwa 25 Minuten vor den tödlichen Schüssen auf Kennedy eingegangen war.

Wie die Cambridge News online berichteten, handelt es sich bei dem Dokument um eine Notiz des damaligen FBI-Direktors James Angleton. Darin heißt es der Zeitung zufolge weiter, nach dem Anschlag auf Kennedy habe der Reporter die Cambridger Polizei über den Anruf informiert, woraufhin sich die Polizei an den MI5 gewandt habe. Eine Reporterin der Cambridge News sagte der AP, es sei "komplett atemberaubend", von dem Anruf erfahren zu haben. 

Die gesperrten Geheimakten über die Ermordung Kennedys wurden von der Regierung für die Veröffentlichung freigegeben. Anders als angekündigt wurden auf der Website des US-Nationalarchivs jedoch nicht alle Dokumente zugänglich gemacht. In letzter Minute blockierte US-Präsident Donald Trump die Veröffentlichung von Teilen der Papiere und folgte damit einer Bitte der Bundespolizei FBI, des Auslandsgeheimdienstes CIA und weiterer Geheimdienste.

Dem Weißen Haus zufolge enthalten die entsprechenden Dokumente Informationen etwa über die Identität und die Rolle von Informanten. Trump habe den Diensten deshalb sechs weitere Monate Zeit gegeben, um darzulegen, warum sie nicht veröffentlicht werden sollten. 

Trump hatte in der vergangenen Woche die Offenlegung der Dokumente angekündigt. Zugleich schränkte er ein, diese stehe "vorbehaltlich des Erhalts weiterer Informationen". Trump selbst gehört zu den Skeptikern der offiziellen Version zum Mord an seinem Vorgänger. Im vergangenen Jahr hatte er den Vater von US-Senator Ted Cruz beschuldigt, an dem Attentat beteiligt gewesen zu sein. Cruz war einer der Konkurrenten Trumps um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner.

FBI wurde vor Ermordung Oswalds gewarnt

Der Guardian stieß bei der Durchsicht der Dokumente auch auf ein Memo des damaligen FBI-Direktors J. Edgar Hoover. Daraus geht hervor, dass die Bundespolizei vor der Ermordung des Attentäters Lee Harvey Oswald gewarnt wurde.  

"Letzte Nacht bekamen wir einen Anruf in unserem Büro in Dallas von einem Mann, der mit ruhiger Stimme sagte, dass er Mitglied in einem Komitee sei, das organisiert wurde, um Oswald zu töten", schrieb Hoover an dem Tag, an dem Oswald erschossen wurde. "Wir haben sofort den Polizeichef benachrichtigt und er versicherte uns, dass Oswald ausreichend beschützt werde. Heute Morgen haben wir den Polizeichef erneut angerufen und vor möglichen Aktionen gegen Oswald gewarnt und erneut versicherte er uns, Oswald werde adäquat geschützt", schrieb der FBI-Chef. "Dies wurde jedoch nicht getan."

Im selben Memo äußerte Hoover bereits die Befürchtung, dass sich Verschwörungstheorien zum Tod des Präsidenten und seinem Mörder verbreiten könnten. Er und Regierungsberater Nicholas Katzenbach seien bemüht, etwas zu veröffentlichen, das die Öffentlichkeit davon überzeugt, dass Oswald der wahre Attentäter ist. Andere Memos zeigen, dass das FBI Oswald bereits in den Monaten vor der Ermordung Kennedys zu beschatten versuchte.

Sowjets besorgt, Kuba erfreut über Tod Kennedys

Die Dokumente enthalten auch Informationen über die mögliche Verwicklung feindlicher Staaten in die Ermordung des US-Präsidenten. Die UdSSR habe Oswald für einen "neurotischen Verrückten, der illoyal gegenüber seinem eigenen Land und allem anderen" war gehalten, heißt es in einem weiteren FBI-Memo

Darin berichtet eine US-Quelle, dass der damalige KGB-Chef Boris Iwanow es für unwahrscheinlich hielt, dass Oswald die Tat allein begangen habe. Der Tod Kennedys sei jedoch ein Problem für den KGB. Auch andere Sowjets seien besorgt gewesen, etwa, dass irgendein General die Macht übernehmen und Atomraketen auf die Sowjetunion schießen könnte. Kuba hingegen, zumindest der kubanische Botschafter in den USA, habe laut einem Memo der CIA auf die Nachricht vom Tod Kennedys mit "glücklicher Freude" reagiert.

Akten sollen Zehntausende Seiten enthalten

Eine offizielle Untersuchung war nach Kennedys Tod zu dem Ergebnis gekommen, dass er von dem Einzeltäter Lee Harvey Oswald in Dallas erschossen wurde, der wiederum zwei Tage später von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby getötet wurde. Die Version wurde vor allem von Verschwörungstheoretikern immer wieder angezweifelt.

Durch den aufsehenerregenden Film JFK des US-Regisseurs Oliver Stone war die Diskussion über die Hintergründe des Attentats 1991 wieder aufgeflammt. Ein Gesetz verfügte daraufhin ein Jahr später die Veröffentlichung von nahezu allen der rund fünf Millionen Dokumente zu Kennedys Tod. Nur ein Bruchteil fiel unter eine 25-jährige Geheimhaltungsfrist – diese lief nun am 26. Oktober aus. Experten gehen indes nicht davon aus, dass die nun freigegebenen Dokumente aufsehenerregende Enthüllungen nach sich ziehen. Die Sichtung des umfangreichen Aktenmaterials wird dauern. Es soll sich um Zehntausende, womöglich mehr als 100.000 Seiten handeln.