"In-! Inde-! Independencia!" Auf der Plaça Sant Jaume vor dem katalanischen Regierungspalais feiern Tausende mit Tränen in den Augen die katalanische Republik. "Nehmt die spanische Fahne vom Palais", ruft eine Frau. Ihre Stimme überschlägt sich. Dann reißt sie eine Cava-Flasche in die Höhe: "Visca la república catalana!" Die Menge antwortet: "Visca, visca, visca!"

Die Republik, auf die die jubelnden Menschen anstoßen, wird wohl als eine der kürzesten in die Geschichte eingehen. Denn hinter den mittelalterlichen Mauern des Palais liegt auf irgendeinem Schreibtisch bereits das Fax mit den angedrohten Zwangsmaßnahmen aus Madrid. Das spanische Amtsblatt hat die vom Senat beschlossenen Maßnahmen in Windeseile im Internet veröffentlicht. Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont und sein Kabinett sind danach bereits des Amtes enthoben, das katalanische Parlament in seinen Funktionen beschränkt.

Rein juristisch feiern die Unabhängigkeitsbefürworter in den trunkenen Abendstunden in Barcelona also eine politische Fata Morgana. Aber das spielt keine Rolle. Was zählt, ist der Augenblick, der Moment, das Bild. Das ist auf den Straßen Barcelonas nicht anders als im Parlament.

"Das ist ein Desaster"

Zurück liegt ein Tag, der an großen Gesten und Theatralik kaum zu überbieten war. 200 Bürgermeister waren aus allen Teilen der Region angereist, um dem historischen Moment im Parlament beizuwohnen. Es gab Tränen, Umarmungen, eine inbrünstig gesungene Hymne, Ovationen für den Präsidenten und eine Ansprache an das Volk. "Katalanen, in den nächsten Stunden müssen wir alle für unser Land einstehen – friedlich und würdevoll, wie wir das immer getan haben," sagt der Regierungschef.

Während die Befürworter der Unabhängigkeit den Präsidenten feiern, verlassen die Oppositionsparteien, die die Abstimmung über die Unabhängigkeitserklärung boykottiert hatten, das Gebäude über die Seitenausgänge. Die Tische, an denen sie vorbeikommen, zieren noch die Bierflaschen, mit denen die zehn Abgeordneten der linksradikalen CUP auf die junge Republik angestoßen hatten.

"Das ist ein Desaster", sagt Alicia Romero, stellvertretende Sprecherin der Sozialisten. "Heute hat eine parlamentarische Mehrheit der gesellschaftlichen Mehrheit Kataloniens ihre Meinung übergestülpt." Für einen Dialog mit Madrid sieht sie keine Chance mehr.

Im Fernsehen laufen Bilder aus der nordkatalanischen Stadt Girona, wo Unabhängigkeitsbefürworter die spanische Fahne vom Rathaus reißen. Über dem Parlament kreisen, wie schon an den Tagen zuvor, die Hubschrauber der spanischen Polizei. Romero schüttelt den Kopf. "Der soziale Frieden steht auf dem Spiel."

Ob das stimmt, ist eine der großen Fragen. Die einflussreichen Unabhängigkeitsplattformen Assemblea Nacional und Omnium haben dazu aufgerufen, die Republik zu verteidigen. Aufforderungen zu Sitzblockaden vor dem Regierungspalais und den Ministerien zirkulieren.

Madrid hat angekündigt, die Zwangsmaßnahmen durchzusetzen – nur wie, das weiß sie nicht. Mit Polizeigewalt? Und dem Risiko, dass die Fernsehsender der Welt wieder Bilder von prügelnden Polizisten senden, wie zuletzt beim verbotenen Referendum vom 1. Oktober? Der Imageschaden für Spanien war damals enorm, dem Ministerpräsidenten Mariano Rajoy hat der Polizeieinsatz angeblich Anpfiffe mehrerer EU-Kollegen eingebracht.