Am Tag vor der einseitigen Unabhängigkeitserklärung hallten vor dem Parlament die Sprechchöre gegen Puigdemont über den Platz: "Verräter! Verräter!" Der zeigte die gebührende Angst vor dem Volk, die man Populisten oft nachsagt, verwarf den Plan, erst mal wählen zu lassen und kündigte an, über die Unabhängigkeit das Parlament abstimmen zu lassen.

Dass er dann im Parlament in der Debatte vor der Abstimmung gar nicht mehr das Wort ergriff, zeigte, dass er persönlich am Ende war, rat-, kraft- und mutlos. Er redete erst danach wieder, vor dem Gebäude, zu den Massen, die am Tag zuvor noch voller Volkswut zu ihm "geredet" hatten. Jetzt jubelten sie ihm zu und sangen die Hymne. Ob Puigdemont sich da ernsthaft als Staatsoberhaupt eines unabhängigen Landes fühlte? Wenn ja, dann war es ein Land, das es so gar nicht gab.

Worüber wird man nun also mit Rajoy reden können? Das ist im politischen Milieu Spaniens in diesen bewegten Tagen die Hauptfrage. Man hört leise, vorsichtige Mutmaßungen, was Rajoy angeht.

Gespräche über Verfassungsänderungen sind denkbar

Könnte er in dieser Lage über seine bisherigen engen Grenzen hinauswachsen, gar zu einer kreativen politischen Führungsperson werden? Es könnte doch sein, vermuten manche, dass Rajoy unbeschadet der bisherigen Selbstblockaden bereit wäre zu Gesprächen über Verfassungsänderungen in Sachen autonome Regionen. Der sozialistische Parteichef Pedro Sánchez hatte solche Gespräche als Voraussetzung für einen gemeinsamen Kurs in der Katalonien-Frage genannt, Rajoy sei darauf immerhin eingegangen. 

Was das bedeutet, wird erst die Praxis zeigen. Soviel ist ja immerhin unbestritten: Die 1978, drei Jahre nach dem Tod des Diktators Francisco Franco, ausgehandelte demokratische Verfassung war ein mühsam zustande gekommenes Produkt, formuliert mit mehr Rücksichtnahme auf die alten Kräfte der rechtsradikalen Falange und des Militärs, verbunden mit vielen Zugeständnissen seitens der an den Verhandlungen beteiligten linken und liberal-progressiven Politiker. Die setzten auf Nachbesserungen in einer Zukunft mit gefestigter Demokratie. Folglich, so das Argument für eine Verfassungsüberarbeitung, könnte eine solcher Text nicht für alle Zeiten in Stein gemeißelt sein.

Die Optimisten meinen, die Einsicht habe sich, befördert durch die aktuellen Notlagen, bis Rajoy rumgesprochen. Einer mit Sinn für Ironie der Geschichte sagte in der heißen Nacht des 27. Oktober: Vielleicht habe Spanien ja in dieser größten Krise seit der Rückkehr zur Demokratie einen Staatsmann gewonnen – Mariano Rajoy.