Aus Katalonien kommen harte Töne in Richtung der Madrider Zentralregierung: Die nach der Unabhängigkeitserklärung verhängten Zwangsmaßnahmen gegen die Regionalregierung bezeichnen die Separatisten als "Putsch" und "Angriff auf das katalanische Volk". Die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy bezeichnen sie als "faschistisch".

Das verknüpft die gegenwärtigen Ereignisse mit der Erfahrung der Franco-Diktatur von 1936-1975, die bis heute die spanische und die katalanische Gesellschaft belastet. Damals richtete sich eine brutale Repression gegen alle Gegner der Diktatur. Davon war nicht zuletzt auch Katalonien betroffen. Jeglicher Äußerung einer katalanischen Identität begegnete Franco mit harten Zwangsmaßnahmen. So wurde Katalanisch zwar weiterhin gesprochen, doch konnte das – als politische Manifestation interpretiert – schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Das in den Jahren der Republik vor dem Bürgerkrieg bestehende Autonomiestatut wurde aufgehoben, die katalanische Gesellschaft für vier Jahrzehnte wie der Rest des Landes dem Joch der Diktatur unterworfen, Tausende starben.

Die Bilder vom katalanischen Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober, als Polizeikräfte die Menschen mit Gewalt an der Stimmabgabe hinderten und dabei Hunderte verletzten, weckten in fataler Weise Erinnerungen an diese dunkle Zeit, als sich Polizeikräfte gegen jene richteten, die für Freiheit und Demokratie eintraten.

Ist das Vorgehen der heutigen Regierung gegen die Unabhängigkeitserklärung der abgesetzten Regionalführung also mit der Unterdrückung jeglichen Autonomiestrebens unter Franco vergleichbar?

Tatsächlich liegen die Wurzeln der regierenden konservativen Volkspartei Partido Popular (PP) in der Diktatur: Die PP wurde durch den ehemaligen Franco-Minister Manuel Fraga gegründet, der bis zu seinem Tod im Jahr 2012 ihr Ehrenpräsident war. In der PP tummeln sich noch heute Kinder, Neffen und Enkel ehemaliger Funktionsträger der Diktatur. Und so wird zur Erklärung dafür, dass es in Spanien keine erwähnenswerte rechtsextreme Partei gibt, häufig darauf verwiesen, dass all jene, die sich dem Erbe der Franco-Diktatur verpflichtet fühlen, in der PP eine Heimstatt haben.

Ein Opferdiskurs seit mehr als 150 Jahren

Befremdlich ist auch, dass die spanische Zentralregierung und selbst König Felipe kein Wort des Bedauerns über die Polizeigewalt geäußert haben.

Dennoch: Die spanische Gesellschaft verfügt seit vier Jahrzehnten über eine freiheitlich-demokratische Grundordnung. Im Dezember 1978 wurde eine Verfassung verabschiedet, die auch in Katalonien von einer überwältigenden Bevölkerungsmehrheit in einem Referendum angenommen wurde. Im Jahr darauf wurde ein Autonomiestatut verabschiedet, das ebenfalls von einer überwältigenden Mehrheit der Katalanen gutgeheißen wurde. Zwar mussten die katalanischen Unterhändler damals wichtige Abstriche von ihren Forderungen machen. Das Gleiche gilt für das 2006 überarbeitete Statut, das auf Drängen der PP vom Verfassungsgericht in Teilen verworfen wurde. Doch kann bei allen offenen Streitpunkten in keiner Weise von einer Unterdrückung der katalanischen Identität gesprochen werden.

Gleichwohl durchzieht ein Opferdiskurs die Auseinandersetzung der katalanischen Nationalisten mit der Zentralregierung. Diese Auseinandersetzung gründet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als im Zuge der Herausbildung des modernen spanischen Zentral- und Verwaltungsstaates in der Region eine Gegenbewegung entstand, die sich auf eine eigene nationale Identität berief. Aus einer Position der Schwäche heraus und im Ringen um diese eigene Nationvorstellung, die im Endeffekt unvereinbar ist mit dem Selbstverständnis eines einheitlichen spanischen Nationalstaates, entstand das Narrativ einer an der eigenen Entfaltung gehinderten, unterdrückten Nation.

Spanien - Der Katalonienkonflikt im Überblick Der Autonomiekonflikt hat historische Wurzeln, aber auch aktuelle Gründe. Das Video zeichnet die Entwicklung nach. © Foto: Joesp Lago, AFP/Getty Images