Mit mehreren Großkundgebungen haben Zehntausende Spanier in den großen Städten des Landes am Samstag für einen Dialog in der Katalonien-Frage demonstriert. Unter dem Motto "Hablamos?" (Reden wir?) versammelten sich die Demonstranten vor den Rathäusern, etwa in Madrid und Barcelona. Die meisten waren ganz in Weiß gekleidet und trugen weiße Schriftbänder und Luftballons.

Immer wieder brandeten Sprechchöre auf: "Wir wollen, dass geredet wird", hieß es da. Mit Blick auf Ministerpräsident Mariano Rajoy und den Chef der katalanischen Regionalregierung, Carles Puigdemont, riefen die Menschen: "Redet oder tretet zurück!"

In Madrid fand wenige Hundert Meter vom Rathaus entfernt eine zweite Demonstration statt. Tausende Menschen protestierten hier gegen die Trennungspläne der wirtschaftlich starken Region. Die in ihrer Heimat bekannte katalanische Schriftstellerin Nuria Amat sagte der dpa: "Jetzt spricht die schweigende Mehrheit". Zugleich beklagte sie, Gegner der Abspaltung würden in Katalonien gemobbt, obwohl alle Umfragen der vergangenen Jahre ergeben hätten, dass die Separatisten keine Mehrheit hätten. "Man hat mich beleidigt, man hat mich angegriffen, und das seit Jahren", berichtet die 67-Jährige von ihren eigenen Erfahrungen. "Ich habe Freunde verloren. Alle Familien in Katalonien haben sich entzweit."

Forderung nach internationaler Vermittlung "nicht hilfreich"

Die spanische Regierung hat derweil die Forderung der katalanischen Regionalregierung zurückgewiesen, den Konflikt mithilfe internationaler Vermittler zu lösen. "Die spanische Regierung muss den Rechtsstaat gegen eine Regionalregierung verteidigen, die einen Staatsstreich durchziehen will", sagte der spanische Außenminister Alfonso Dastis dem Spiegel. Deshalb halte er die Forderung nach internationaler Vermittlung für "nicht hilfreich". "In solche inneren Angelegenheiten ihrer Mitglieder mischt sich die EU nicht ein."

Um auf die Herausforderung einer Unabhängigkeitserklärung des katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont zu antworten, habe die Regierung von Mariano Rajoy "genügend legale Möglichkeiten". Dabei würde sie sich mit den verfassungstreuen Parteien im Madrider Parlament abstimmen. "Die Regierung ist offen, über alle möglichen Lösungswege und Reformen zu sprechen", wird Dastis vom Spiegel zitiert.

Unabhängigkeit wäre kein zweiter Brexit

Sollte sich Katalonien tatsächlich von Spanien loslösen, sei das ohne Zweifel ein Problem für die Euro-Zone, sagte Dastis. Es werde aber kein zweiter Brexit, da niemand Katalonien als unabhängigen Staat anerkennen würde. Er warnte jedoch vor wirtschaftlichen Folgen für Spanien. Die Zentralregierung in Madrid erhöhte bereits den Druck, indem sie Unternehmen die Verlagerung ihrer Geschäfte aus der wohlhabenden Region erleichterte.

Der Abgeordnete der katalanischen Linksrepublikaner (ERC), Joan Tardà, nennt das im Gespräch mit der dpa "Wirtschaftsterror". Tardà ist Sprecher der ERC-Fraktion im spanischen Abgeordnetenhaus in Madrid. Die ERC ist auch in der katalanischen Regierung vertreten. Wenn Katalonien nun eine Sonderbehandlung erfahre, zeige das, dass Madrid eigentlich schon von der Unabhängigkeit ausgehe, sagte Tardà.

Am 1. Oktober hatten bei einem umstrittenen Referendum nach offiziellen Zahlen gut 90 Prozent der Wähler für die Unabhängigkeit gestimmt. Allerdings hatten nur 43 Prozent der Wahlberechtigten teilgenommen.