Katalonien hat sich am Dienstagabend von Spanien unabhängig gemacht. Oder doch nicht? Carles Puigdemont, der Ministerpräsident der autonomen Region rund um Barcelona, hat mit seiner – von einer besorgten Weltöffentlichkeit verfolgten – Rede vor dem Regionalparlament reichlich Verwirrung geschaffen. Und so ein kleines Schelmenstück vollbracht.

Er erklärte, sein Volk habe sich mit dem illegalen Referendum vom 1. Oktober das Recht errungen, unabhängig zu werden. Aber er sei ein Mann des Dialogs und daher zu Verhandlungen mit der Zentralregierung in Madrid bereit. Deswegen trete diese Unabhängigkeitserklärung fürs Erste nicht in Kraft.

Unabhängigkeitserklärung "nur symbolisch"

Als schon die ersten Eilmeldungen über die friedfertigen Separatisten über die Nachrichtenticker liefen, unterschrieb er dann trotzdem mit seiner Regierung ein Papier, das in schneidigen Worten die katalanische Republik ausruft. Die Erklärung soll aber – erst mal jedenfalls – nur symbolisch zu lesen sein.

Puigdemont, das ist ihm anzurechnen, hat mit diesem Auftritt eine harte Konfrontation mit der spanischen Regierung vermieden. Die Appelle, nach dem international nicht anerkannten Referendum doch bitte keine unumkehrbaren Fakten zu schaffen, sind erhört worden. Die Regierung des spanischen Ministerpräsident Mariano Rajoy sollte nun auf scharfe Gegenmaßnahmen, wie die Anordnung einer Zwangsverwaltung der Region im Nordosten Spaniens oder die Verhaftung des obersten katalanischen Separatisten wegen Landesverrats, verzichten. Es gibt keinen Anlass: Auch am Mittwoch wachten die Katalanen noch als spanische Staatsbürger auf.

Gleichzeitig ist das Vorgehen des katalanischen Regierungschefs schlitzohrig. Die Unabhängigkeitskämpfer in Barcelona hoffen nun auf vermehrte internationale Unterstützung für ihren Ruf nach Selbstbestimmung. Schließlich, so die Logik, haben sie der Weltöffentlichkeit gezeigt, dass sie gute Demokraten seien: Ihre eigenen Gesetze hätten sie ermächtigt, nach dem 90-Prozent-Ergebnis des umstrittenen Referendums die Unabhängigkeit sofort in Gang zu setzen. Doch, so die Lesart der Separatisten, im Sinne des Dialogs würden sie noch ein paar Tage damit warten.

Außer Acht lassen die Unabhängigkeitskämpfer damit sehr bewusst, dass dieses Referendum nie gültig war. Es war vom Verfassungsgericht für illegal erklärt. Mehr als die Hälfte der Katalanen nahmen nicht daran teil. Und wer wollte, konnte wohl auch mehrfach seine Stimme abgeben. Auch die Regionalgesetze zum Umgang mit dem Ergebnis des Referendums, die Puigdemont nach eigener Darstellung keine andere Möglichkeit ließen, als die Unabhängigkeit zu erklären, wurden in Madrid für illegal erklärt.

Will Puigdemont wirklich reden?

Nun sagt der katalanische Regionalpräsident, er hoffe auf den Dialog mit der konservativen Regierung in Madrid. Doch will Puigdemont wirklich reden? Wenn sein seit Dienstag erneut auf Papier festgehaltenes Ziel die Unabhängigkeit von Spanien ist – gibt er sich dann wirklich mit einer besseren Finanzausgleich zwischen Katalonien und Madrid zufrieden?

Auf der anderen Seite wird sich auch die konservative Regierung von Rajoy, die im Umgang mit Katalonien so viele Fehler gemacht hat, durch Puigdemonts Rede bestätigt fühlen. Rajoy hat den Katalanen nie den Dialog angeboten, er hat eine legale Abstimmung über die Unabhängigkeit von Spanien immer abgelehnt, er hat zuletzt den Unternehmen mit Gesetzen dabei geholfen, aus Katalonien abzuwandern. All diese harten Maßnahmen, so wird es Madrid sehen, haben sich ausgezahlt: Katalonien wagte den einsamen Bruch nicht.

Rajoy wird durch die vermeintlich kompromissbereite Ansprache seines Kontrahenten aber gleichzeitig in eine Zwickmühle gelockt: Madrid ist der festen Überzeugung, dass Katalonien einseitig gar nicht unabhängig werden kann. Doch wenn Rajoy jetzt beginnt mit Barcelona zu verhandeln, so muss er die katalanischen Unabhängigkeit – in ihrer ausgesetzten Form – quasi anerkennen. Also Puigdemonts Spiel mitspielen. Das wird er kaum tun, auch wenn Dialog wichtiger wäre, als je zuvor.

Und so wird dieser Konflikt noch lange weiter schwelen.

Die Leittragenden sind die katalanischen Bürger. Die jungen Unabhängigkeitskämpfer, die aus den kleinen Kommunen auf dem katalanischen Land nach Barcelona gereist kamen, um die Ausrufung der Republik zu erleben – und die schließlich mit enttäuschten Gesichtern auf der Straße herumstanden. Sie glauben weiter an ihren Ministerpräsidenten und die Unabhängigkeit, die sie für nur verschoben halten.

Nichts ist gewonnen, nur Zeit

Gleichzeitig gibt es noch die vielen Katalanen, die eigentlich in Spanien bleiben möchten, sich aber von dem siegesgewissen Separatisten in den Schulen und der Nachbarschaft ebenso gegängelt fühlen, wie mancher Katalane von Madrid. Sie werden die Geschehnisse vom 10. Oktober nun so verstehen, dass sie einen Schritt näher am Bruch von Spanien sind.

Dieser Abend kennt daher keine Sieger. Gewonnen ist nur Zeit. Werden die Politiker in Madrid und Barcelona es trotz allem schaffen, so zu verhandeln, als gäbe es keine Vorbedingungen? Zu wünschen ist das.