Kurt Andersen ist einer der einflussreichsten Kulturjournalisten der USA, seine Sendung Studio 360 im öffentlichen Radio gilt als meinungsbildend. In seinem neuen Buch Fantasyland – How America went Haywire ("Wie Amerika verrückt wurde") entwickelt Andersen die Theorie, dass die USA kollektiv unter einem massiven Realitätsverlust leiden. Er führt den Verlust eines gesellschaftlichen Konsenses über die Wirklichkeit auf Strömungen zurück, die tief in die amerikanische Kulturgeschichte zurück reichen. Diese Strömungen, so Andersen, haben mit einer tragischen Zwangsläufigkeit zum Phänomen Donald Trump geführt.

ZEIT ONLINE: Herr Anderson, wie viele Amerikaner glauben heute noch an Fakten?

Kurt Andersen: Ich schätze, dass es weniger als die Hälfte ist.

ZEIT ONLINE: Worauf stützen Sie diese Einschätzung?

Andersen: Ich habe allerlei Umfragen zu religiösen Überzeugungen gelesen, zu verschiedenen Verschwörungstheorien und zur Verbreitung vom Glauben an paranormale Phänomene. Was man natürlich nicht genau wissen kann, ist, wie viele der Befragten bei diesen Untersuchungen identisch sind, also wie viele der Leute, die an Engel glauben auch an Regierungsverschwörungen glauben. Aber ich gehe einfach mal davon aus, dass es da große Überschneidungen gibt.

ZEIT ONLINE: Aber Sie hatten den Verdacht, dass Amerika unter einem massiven Realitätsverlust leidet, ja schon lange bevor Sie diese Untersuchungen gelesen haben. Wie kamen Sie darauf?

Kurt Andersen © Rob Kim/Getty Images

Andersen: Ich frage mich schon seit Jahrzehnten immer wieder, warum in Amerika der religiöse Fanatismus so viel weiter verbreitet ist als in anderen Kulturen. Hinzu kam für mich, dass sich Mitte der Neunziger die Unterhaltungsbranche zu wandeln begann. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion wurden mit dem Aufkommen des Reality-TV immer mehr verschoben. Gleichzeitig flammte die Debatte um das Unterrichten des Kreationismus an öffentlichen Schulen auf. Schließlich beschäftigte ich mich in meinem letzten Roman, True Believers, mit den Sechzigerjahren, jener Zeit, als der gesellschaftliche Konsens in den USA unwiederbringlich zu zerfallen begann. Um das Jahr 2010 herum formten sich für mich alle diese Aspekte zu einer kohärenten Theorie.

ZEIT ONLINE: Warum neigen denn nun die Amerikaner mehr als andere Kulturen dazu, sich von der Realität zu verabschieden?

Andersen: Die Tatsache, dass dieses Land von Leuten gegründet wurde, die an das Unwahrscheinliche glaubten, spielt eine enorme Rolle – gleich, ob das die Puritaner waren oder andere Kult-Anhänger oder einfach nur Leute, die über Nacht reich werden wollten. Amerika war schon immer das Land, in dem man ein Vermögen machen konnte und gleichzeitig alles glauben durfte, was man wollte. Das ist vielleicht der zentrale Aspekt der amerikanischen Identität. Leute, die nach Amerika kamen, waren von Anfang an Träumer und Fantasten.

ZEIT ONLINE: Amerika bedeutet die Freiheit, sich selbst zu erfinden.

Andersen: Ja, der extreme amerikanische Individualismus spielt eine große Rolle bei unserer Loslösung von der Realität. Er ist aber auch wieder eine direkte Folge davon, dass dieses Land von fanatischen Renegaten gegründet wurde, die eine protestantische Theokratie etablieren wollten. Allerdings war es nicht der Protestantismus selbst als Auflehnung gegen die etablierte Macht, sondern es war der rebellische, antiautoritäre Impuls dahinter, der den amerikanischen Charakter formte. Die Auflehnung gegen Autorität, die leider oft auch in Antiintellektualismus mündet, ist zentraler Teil des amerikanischen Charakters.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben aber auch, dass lange Zeit der aufgeklärte, rationale Teil des amerikanischen Charakters dem fantastischen Teil Paroli bieten konnte. Wann hat Amerika sich von der Aufklärung verabschiedet?

Andersen: Ich glaube, die Dinge sind in den Sechzigerjahren aus den Fugen geraten. Damals sind die etablierten Kontrollinstanzen der aufgeklärten Vernunft wie die Universitäten und die Medien entweder marginalisiert worden, sie haben sich selbst diskreditiert oder sie haben einfach aufgegeben. In der Folge wurde der Einzelne ermächtigt, alles zu glauben, was er oder sie wollte.

ZEIT ONLINE: Wie konnten die Sechzigerjahre so dramatisch die Institutionen entmachten, die bis dahin über einen gemeinsamen Realitätssinn gewacht haben?

Andersen: In den Sechzigerjahren wurde die Baby-Boom-Generation erwachsen, die erste Generation, die Geburtenkontrolle betrieb und die Fernsehen hatte. Gleichzeitig wurden wir in den Vietnam-Krieg hineingezogen, einen Krieg, an den wir nicht glaubten. Auf diesem Nährboden blühte die Gegenkultur. An der Universität gewann der Relativismus immer mehr an Einfluss, insbesondere in den Geisteswissenschaften. So machte sich eine immer größere Skepsis gegenüber Vernunft und Rationalität breit. Zur selben Zeit wurden die extremsten protestantischen religiösen Sekten immer extremer. Deren Establishment verlor ebenfalls die Kontrolle. Bis zu den Sechzigerjahren waren evangelikale Christen ein viel kleinerer, viel vernünftigerer Teil der christlichen Welt.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen auch davon, dass die Demontage des Konzepts von Geisteskrankheit in den Sechzigerjahren eine große Rolle beim Realitätsverlust Amerikas spielte.

Andersen: Ich halte das für einen sehr erhellenden Aspekt der kulturellen Revolution der Sechzigerjahre. Wir haben die französische Idee, dass Geisteskrankheit eine Konstruktion ist, die dazu dient, Menschen auszugrenzen, sehr bereitwillig adaptiert. Bis zu einem gewissen Grad ist das ja auch ein sehr hilfreiches Argument. Aber wenn es vulgarisiert wird, wird es zu einem weiteren Faktor in der Delegitimation einer geteilten Realität. Wenn man nicht mehr sagen kann, dass jemand verrückt ist, dann hat man im öffentlichen Diskurs ein Problem.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielte denn die Kennedy-Ermordung bei der Spaltung der amerikanischen Öffentlichkeit in unüberbrückbare Realitäten?

Andersen: Es war ein traumatisches nationales Ereignis, das die Dinge massiv aus dem Gleichgewicht brachte. Es gab gewiss schon vorher Verschwörungstheorien in der amerikanischen Geschichte, aber die Kennedy-Ermordung war der Moment, in dem sich eine allgemeine Skepsis gegenüber jedweder offizieller Darstellung der Realität breitmachte. Die Forschung zu Verschwörungstheorien ist eindeutig: Wenn man erst einmal anfängt, in Verschwörungstheorien zu denken, dann gibt es kein Zurück mehr. Es wird zu einer Angewohnheit des Geistes. Mit der Kennedy-Ermordung hat sich in Amerika diese Angewohnheit durchgesetzt, insbesondere bei der Rechten.

ZEIT ONLINE: Warum ist die Rechte gegenüber Verschwörungstheorien anfälliger als die Linke?

Andersen: Das hat mit der Verbreitung extremer religiöser Überzeugungen bei der Rechten zu tun. Das bildet den Nährboden für fantastische Überzeugungen auf anderen Gebieten. Wenn Sie glauben, dass Sie in Zungen sprechen können, dann sind Sie auch dazu geneigt zu glauben, dass der Klimawandel eine Erfindung Chinas ist. Hinzu kommt, dass die extreme Rechte seit Jahrzehnten wahnwitzige Theorien verbreitete, die dann in den vergangenen 20 Jahren immer stärker in den Mainstream rückten. Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten.