ZEIT ONLINE: Begann mit der Kennedy-Ermordung auch das allgemeine Misstrauen gegenüber den Medien, das wir heute beobachten?

Andersen: Nein, ich glaube, das ging so richtig erst in den Achtzigerjahren los. Es waren ja immerhin die Medien, die den Watergate-Skandal aufgedeckt haben und die Pentagon-Papiere über Vietnam veröffentlichten. Die Medien blieben eigentlich die Siebzigerjahre hindurch vertrauenswürdig. Das Misstrauen begann damit, dass die Rechte in den Achtzigerjahren die Medien pauschal einer liberalen Voreingenommenheit bezichtigte. So richtig zum Tragen kam dieses Misstrauen dann allerdings erst in den Neunzigerjahren, als das deregulierte Radio und die immer stärker polarisierten Kabelsender den Menschen 24 Stunden lang eintrichterten, dass sie der Presse nicht trauen dürfen.

ZEIT ONLINE: Ist der Verlust eines Konsenses über die Wirklichkeit in Amerika der wichtigste Grund für das Phänomen Donald Trump?

Andersen: Ja, absolut. Wenn wir einigermaßen klare Trennlinien zwischen wahr und falsch beibehalten hätten, hätten wir nicht Donald Trump gewählt. Ich habe lange vor Trump angefangen, an dem Buch zu arbeiten, aber er verkörpert, mit Ausnahme der Religiosität, jedes Einzelne meiner Argumente. Ich behaupte natürlich nicht, dass es etwa das Gefühl der weißen Unterschicht, abgehängt worden zu sein, nicht gibt. Aber ich denke, dass meine Geschichtsschreibung Trump wesentlich besser erklärt. Leider bedeutet meine Version der Genese von Donald Trump auch, dass das Problem, das zu seiner Wahl geführt hat, mit ihm nicht wieder verschwindet.

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Wahl Trumps voraus gesagt?

Andersen: Natürlich nicht. Aber ich habe immerhin schon früh gedacht, dass es nicht völlig unmöglich ist. Leider hat seine Wahl meine Theorien bestätigt. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ein Freak wie Trump tatsächlich gewählt werden kann. Jemand wie er hat in unserem neuen Medienumfeld auf einmal eine ungeheure Macht.

ZEIT ONLINE: Längerfristig gedacht: Kann eine Gesellschaft, die sich auf keine Realität mehr einigen kann, überleben?

Andersen: Ich habe leider keine Antwort darauf und das macht mich sehr besorgt. Man spricht immer über die politische Polarisierung in den USA. Die USA waren schon oft politisch polarisiert und haben das überstanden. Aber ich weiß nicht, wie ein Land eine Öffentlichkeit erdulden kann, die zwischen denen gespalten ist, die noch an Fakten glauben und denen, die es eben nicht mehr tun. Ich war nie jemand, der an den Untergang geglaubt hat, aber im Moment wird mein Optimismus auf eine harte Probe gestellt. Wenn wir eine Regierung haben, die nicht mehr an wissenschaftliche Erkenntnisse glaubt, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es mit dem Wohlstand und dem Wohlergehen unserer Nation steil bergab geht.

ZEIT ONLINE: Gibt es nichts, was Ihnen Hoffnung darauf macht, dass zumindest über manche Dinge ein Konsens hergestellt werden kann?

Andersen: Ich habe die Hoffnung, dass wir uns in fünf Jahren darauf einigen können, dass die Wahl von Donald Trump ein schwerer Fehler war. Dann wird vielleicht eine Diskussion darüber möglich, dass wir etwas vorsichtiger mit dem sein müssen, was wir glauben und was wir nicht glauben.