Am Beispiel der Rohingya zeigt sich, welche herausragende Rolle die politisch notwendige Konstruktion von Ethnizität bis heute in Myanmar spielt. Zwar wurden Muslime in dieser Region bereits seit den Sechzigerjahren verfolgt, der Begriff der Rohingya als eine Volksgruppe oder ethnische Gruppe verbreitete sich aber erst in den Neunzigerjahren mit der erstarkenden Menschenrechtsdebatte. Im Bundesstaat Rakhine leben Muslime schon seit Jahrhunderten, sie haben sich aber nicht immer als Gruppe mit eigener Identität wahrgenommen. Es gibt in Rakhine zum Beispiel Muslime, die nicht zu den Rohingyas zählen und die myanmarische Staatsangehörigkeit besitzen. Vor allem Aktivisten sahen jedoch die politischen Vorzüge eines einheitlichen Begriffs. Als ethnische Gruppe anerkannt zu sein bedeutete nämlich, dem Recht auf Staatsangehörigkeit näherzukommen und andere grundlegende Rechte einfordern zu können. Die gemeinsame Erfahrung von jahrzehntelanger, systematischer Diskriminierung stärkte die Genese der Rohingya als ethnische Gruppe.

Die Leiderfahrung, Staatenlosigkeit und Armut der Rohingya machen es extremistischen Gruppierungen wie der Arsa leicht, Anhänger zu finden. Sie steht hinter dem Aufstand Ende August, der die internationale Krise auslöste, wurde aber erst 2012 gegründet und ist im Kontext der ethnischen Konflikte im Land ein relativ neuer Akteur. Die öffentlichen Forderungen der Arsa entsprechen jedoch weitgehend denen anderer ethnischer Gruppen in Myanmar.

Systemwechsel als langwieriger Prozess

Die nun zivile Regierung Myanmars war mit der Agenda angetreten, Frieden im Land zu schaffen und die ethnischen Konflikte zu lösen. Sie wird jedoch immer wieder durch die anhaltende Macht des Militärs ausgebremst. Deren Offensiven und die Gegenoffensiven verlangsamen den Fortschritt im Friedensprozess. Bis 2015 galt Myanmar als das am längsten regierte Militärregime der Welt, und bis heute ist der Einfluss des Militärs in der Verfassung untermauert. In der geltenden Version von 2008 ist zum Beispiel festgehalten, dass drei Ministerien dem Militär vorbehalten sind, dazu zählen Inneres, Grenzen und Verteidigung. Auch bei Verfassungsänderungen behält sich das Militär ein Vetorecht vor. Die Agenda der Regierung scheint sich nicht gegen das Militär durchsetzen zu können. Während die zivile Regierung Friedensgespräche führt, kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den militärischen Gruppen. Aus heutiger Sicht bleibt die Beziehung zwischen Militär und der aktuellen Regierung undurchsichtig.

Der Systemwechsel von einem Militärregime zu einer Demokratie bleibt ein langer Prozess. Für eine funktionierende Demokratie bräuchte Myanmar ein föderalistisches System und eine Verfassungsänderung. Die aktuelle Regierung arbeitet an diesen Lösungsansätzen, sie scheint aber das Militär (noch) nicht kontrollieren zu können. Offensichtlich sind gute diplomatische Beziehungen zwischen Militär und der Regierung notwendig, um die multiplen ethnischen Konflikte im Land zu lösen. Zentral bleibt, das essenzialistische Konzept von Ethnizität aufzugeben und das Myanmar-Mosaik im Staatssystem zu würdigen. Dies gilt nicht nur für die politischen Akteure im Land, sondern auch für die UN-Organisationen, NGOs und die Medien.