Sozialdemokraten können noch jubeln, trotz der Wahlniederlage. Im Partyzelt der Roten in Wien brandete geradezu frenetischer Applaus auf, als die dritte Hochrechnung des Wahlabends den Genossen prophezeite, sie würden doch noch auf dem zweiten Platz bei den österreichischen Parlamentswahlen landen – erste Prognosen hatten sie gleich nach Schließung der Wahllokale mit dem schlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte hinter der rechtspopulistischen FPÖ gesehen. Die statistische Aufholjagd wirkte da wie ein letzter Mutmacher. Der geschlagene Vorsitzende und Bundeskanzler Christian Kern fand vor seinen begeisterten Anhängern kämpferische Worte, als hätte er gerade einen Sieg errungen.

Tatsächlich haben die Sozialdemokraten nicht den geringsten Grund zur Freude. Erstens sieht das vorläufige Endergebnis ohne Briefwahl wieder die FPÖ vorn. Und zweitens: Als führende Regierungspartei sind sie abgewählt worden, das Kanzleramt ist verspielt, zumindest fünf Oppositionsjahre erscheinen wahrscheinlich und die Partei ist nach der Schlappe mehr denn je in einen urbanen, linksliberalen und einen traditionellen, strukturkonservativen Flügel gespalten.

Eine tektonische Verschiebung

Noch einen traurigen Rekord haben die Genossen verbucht: Christian Kern ist der Regierungschef mit der kürzesten Amtszeit in der Geschichte der Republik. Offensichtlich waren aber nach einem vollkommen entgleisten Wahlkampf die Befürchtungen, ein Debakel zu erleiden, derart groß, dass es für das rote Fußvolk fast nicht ins Gewicht fällt, wenn das Land einen gewaltigen Rechtsrutsch erleidet und mit dem bisherigen Außenminister Sebastian Kurz, einen 31 Jahre jungen Regierungschef erhält, der eine dezidiert konservative Agenda verfolgt.

Der Wahlausgang bedeutet jedoch mehr als bloß einen Wechsel an der Regierungsspitze: In Österreich hat sich eine tektonische Verschiebung ereignet. Das linke politische Lager wurde dezimiert, da auch die Grünen nach einer Parteispaltung beinahe neun Prozent verloren haben und nach gegenwärtigem Stand an der Vierprozenthürde scheiterten und aus dem Parlament fliegen werden – endgültig wird das erst nach der Auszählung aller Briefwahlstimmen am Donnerstag feststehen. 

Eine zersplitterte Linke

Das ist umso erstaunlicher, als es einem bunten Bündnis aus grünen, liberalen und linken Kräften im vergangenen Jahr gelungen war, den früheren grünen Parteichef Alexander Van der Bellen mit fast 54 Prozent der Stimmen in das Amt des Staatsoberhauptes zu tragen. Der unterlegene Freiheitliche Norbert Hofer beklagte noch in diesem Wahlkampf die Niederlage bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Doch zehn Monate später ist die Van-der-Bellen-Koalition zerschlagen und das rechtskonservative, schwarz-blaue Lager hat mit zusammen knapp 58 Prozent die politische Hegemonie zurückerobert.

Auf Österreich kommt nun vermutlich eine Zusammenarbeit zwischen der Volkspartei, die Kurz in seinen persönlichen Fanclub verwandelt hat, und den Freiheitlichen zu. Zwar wäre theoretisch auch eine Fortführung der bestehenden rot-schwarzen Koalition unter umgekehrten Vorzeichen möglich, doch im Verlauf des erbitterten Wahlkampfes wurde immer deutlicher, dass die traditionellen Regierungspartner einander über jede Toleranzgrenze hinaus überdrüssig geworden sind. Bei manchen TV-Konfrontationen der beiden Spitzenkandidaten wurde eine geradezu körperliche gegenseitige Ablehnung sichtbar.