ZEIT ONLINE: Die FPÖ ist bei der Wahl in Österreich doch nicht zweitstärkste Kraft geworden. Aber zusammen mit der ÖVP, deren Shootingstar Kurz ihr inhaltlich nachläuft, damit er Kanzler werden kann, hat sie die Mehrheit. Sind die Österreicher überwiegend Nationalisten und Fremdenfeinde geworden?

Claus Leggewie: Das kann man so nicht sagen. Die FPÖ haben sie "nur" zu 26 Prozent gewählt. Aber in der ÖVP und der SPÖ steckt viel FPÖ drin. Teile ihrer Stammwählerschaften hatten immer schon entsprechende Neigungen, auch bei ihnen gibt es ein rechtslastiges Potenzial.

ZEIT ONLINE: Kurz wird wahrscheinlich mit der FPÖ koalieren. Macht er sie damit nicht erst recht salonfähig?

Leggewie: Aus dem Tabubereich hat sie nicht im Jahr 2000 Wolfgang Schüssel geholt, sondern 1970 hat der große Sozialdemokrat Bruno Kreisky seine Minderheitenregierung von den Freiheitlichen tolerieren lassen. Damit war die einstige Parkstation für Alt-Nazis in die österreichische Gesellschaft eingeführt und das Milieu normalisiert, aus dem Herr Strache stammt und in dem viele seiner Burschenschaftler heute noch stecken.

ZEIT ONLINE: Dennoch ist das jetzt schon ein ziemlicher Rechtsschwenk.

Leggewie: Man sollte das nüchtern sehen. In das Ergebnis der FPÖ sind die früheren Ergebnisse der ebenfalls rechtspopulistischen Liste Stronach und der BZÖ mit eingegangen. Das Potenzial der FPÖ ist also nicht explosionsartig angestiegen. Die Veränderung ist eine andere. Es gab schon immer Bemühungen der beiden großen Parteien, wenn sie aus dem Gefängnis der großen Koalition heraus wollten, der FPÖ Avancen zu machen, vor allem in den Bereichen Migration, Innere Sicherheit, Europa, Türkei-Beitritt zur EU. Die Annäherung der großen Parteien ist aber noch nie so weit gegangen wie vor dieser Wahl.

ZEIT ONLINE: Sie sehen also nicht einen plötzlichen Rechtsruck der österreichischen Republik?

Leggewie: Das ganze politische System und die Wählerschaft haben sich nach rechts verschoben. Die FPÖ, eine der erfolgreichsten rechtspopulistischen Parteien Europas, hat über Jahrzehnte darauf hingewirkt. Mit Erfolg. Das zeigen die Themen im Wahlkampf und die Art und Weise, wie Kurz sich die Programmatik der FPÖ unverblümt zu eigen gemacht hat und die SPÖ ihre Quarantäne-Haltung aufgegeben hat, besiegelt durch das rot-blaue Bündnis im Burgenland.

ZEIT ONLINE: Die beiden großen Parteien übernehmen also gewissermaßen die Rolle der FPÖ?

Leggewie: Ja, sie erledigen deren politisches Geschäft. Das ist ein Lehrstück dafür, wie man durch Anverwandlung und Annäherung ein rechte Partei erst hoffähig, dann unumgänglich, dann regierungsfähig macht. Diese Annäherung nimmt ihr nicht die Wähler, sondern stärkt sie und holt sie ins Establishment. Lustig ist ja, dass die Österreicher, die zuletzt gegen die große Koalition waren, jetzt eine noch größere bekommen.

ZEIT ONLINE: Im vergangenen Jahr war das Aufatmen noch groß, als der Grüne Van der Bellen die Präsidentenwahl gegen den FPÖ-Kandidaten Hofer, wenn auch knapp, gewonnen hat. Was ist seitdem geschehen?

Leggewie: Das Problem ist, dass nichts passiert ist. Der grüne Bundespräsident ist kaum zu vernehmen. Van der Bellen ist Kretschmann im Quadrat. Die Chance, durch die Stichwahl eine Wende weg von der FPÖ zu einer liberaleren, offeneren Politik zu erzeugen, ist vertan worden. Die Grünen haben sich gespalten, die liberalen Neos dümpeln vor sich hin. Eine Politik gegen rechts sieht anders aus.