Das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien und die Erklärung des Regionalpräsidenten Carles Puigdemont ist in ganz Europa verfolgt worden. Schließlich handelt es sich nicht nur um ein spanisches, sondern vor allem um ein europäisches Thema, darin sind sich die großen europäischen Medien einig. In Kommentaren und Analysen bewerten sie die Unabhängigkeitsbestrebungen fast einhellig als schädlich.  

Die französische Le Monde schreibt: "Es sind die nationalen Wahlen, die ganz Europa in Atem halten. Lächerlich absurde Befragungen, die eine existentielle Rolle spielen und auf die sich, an einem Tag, 500 Millionen Augenpaare richten. Das sei der Fall gewesen beim Referendum zum Brexit im Juni 2016 oder bei der französischen Präsidentschaftswahl diesen Frühling. "Es war, Dienstag 10. Oktober, der Fall bei der ultra-mediatisierten Erklärung eines kleinen, fremden Mannes, dessen Namen vor 15 Tagen noch niemand nördlich der Pyrenäen korrekt aussprechen konnte", schreibt Le Monde.

Wie der Untergang der Titanic

Die österreichische Zeitung Die Presse analysiert: "An den Vorgängen auf der iberischen Halbinsel wird das europäische Paradoxon wieder einmal sichtbar. Die EU ist mehr als ein Staatenbund, weniger als ein Bundesstaat – und kann folglich schwer mit lautstark artikuliertem Nationalismus im Namen der europäischen Einheit umgehen", heißt es aus Österreich. Und weiter: "Das Europa der Regionen, von dem Separatisten sprechen, ist nichts anderes als ein Flohzirkus, in dem die Brüsseler Dompteure zwangsläufig an der Herausforderung scheitern müssen, Dutzende, wenn nicht Hunderte mit Vetorecht ausgestattete Gebietskörperschaften zu bändigen. Dieser Weg führt schnurstracks ins Chaos."

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) aus der Schweiz erinnern die Ereignisse in Katalonien an den Untergang der Titanic: "Während oben im Festsaal das Orchester dröhnt und mit Cava die neue Unabhängigkeit gefeiert wird, laufen auf Deck schon die Gäste davon. Rette sich, wer kann, heißt es nun in Katalonien. Zuerst waren es die Banker und Unternehmer, die das Weite suchten und ihre Zelte außerhalb von Katalonien aufschlugen. Ihnen folgen aufgeschreckte Bürger, die lange Schlangen vor den Banken bilden, weil sie versuchen, ihr Geld in den angrenzenden Regionen Aragonien und Valencia in Sicherheit zu bringen." Carles Puigdemont, der "selbstsichere Kapitän des Schiffes", mache den Menschen Angst. "Er will nicht wahrhaben, dass sein Schiff mit dem Namen 'Independencia' mit einem Eisberg zusammengestoßen ist."

Katalonien hat Status als reichste Region verloren

Ähnlich sieht es The Times aus London. Die Krise habe inzwischen ein Eigenleben entwickelt. "Die Wirtschaft, von der Kataloniens Wohlstand abhängt, wählt mit den Füßen. Mehr als 20 in Barcelona ansässige Firmen haben erklärt, dass sie abziehen. Ob sie das angesichts des taktischen Rückzugs von Puigdemont wahrmachen, bleibt zwar abzuwarten. Aber in dieser Krise hat Katalonien seinen Status als Spaniens reichste Region bereits verloren. Durch die völlige Unabhängigkeit würde es nicht mehr zur EU gehören und von keinem ihrer Mitgliedstaaten anerkannt werden."

Die Sezessionisten würden das Parlament benutzen, um eine Version von Unabhängigkeit anzustreben, die Katalonien ebenso schaden würde wie Spanien. An der derzeitigen Situation habe aber auch die Zentralregierung in Madrid Schuld: "Eine unflexible Regierung in Madrid hat mit drakonischen Reaktionen dafür gesorgt, dass die Unterstützung für diese Minderheit (von Sezessionisten) größer wurde. Staatskunst hätte viel von der Gewalt und der Konfrontation vermeiden können."

Der belgische de Standaard deutet die Erklärung von Carles Puigdemont als ein Zeichen der Schwäche: "Die Hardliner in der Regierung Rajoy könnten das ausnutzen, um die Frage ein für alle Mal zu entscheiden. Wenn die katalanischen Separatisten mit voller Wucht getroffen werden, ist der Schaden nicht absehbar."