Als Anfang dieses Jahres die ersten großen Verfahren gegen mutmaßliche Putschisten begannen, hoffte die Türkei auf Antworten. Inzwischen liegt die Nacht des gescheiterten Putschversuchs mehr als ein Jahr zurück. Und Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist sich genauso sicher wie die Mehrheit der türkischen Bevölkerung: Hinter dem Umsturzversuch steckt der Prediger Fethullah Gülen. Inzwischen laufen in der Türkei Tausende Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche Putschisten und Anhänger der Gülen-Bewegung (Gülenisten). Zur Aufklärung der Hintergründe beigetragen haben die zum Teil sehr aufwendigen Verfahren bisher aber nur wenig. Viele rätselhafte Details des 15. Julis 2016 bleiben ungeklärt.

Monate später und nach Hunderten Aussagen von Soldaten, Offizieren und Generälen neigen sich einige Prozesse ihrem Ende. Trotz Geständnissen und Urteilen bleiben aber zentrale Fragen unbeantwortet. Zum Beispiel solche: Gehörten alle Putschisten der Bewegung von Fethullah Gülen an, wie die türkische Regierung es behauptet? Oder spielten neben den Gülenisten auch andere Teile des Militärs eine Rolle, wie europäische Geheimdienste es vermuten?

Ein Verfahren in der Provinz Muğla, im Südwesten der Türkei, deutet auf eine komplexe Verschwörung hin, die über die Gülen-Bewegung hinausgeht. Angeklagt werden Soldaten, die in der Putschnacht versucht haben sollen, den Präsidenten der Türkei zu ermorden. Fakt ist: Zwei Polizisten starben, als eine Gruppe von Soldaten ein Hotel im Badeort Marmaris attackierte, in der Erdoğan mit seiner Familie seinen Urlaub verbrachte. Als die Soldaten vor der Tür standen, war der Präsident bereits auf dem Weg nach Istanbul.

Vergangene Woche verkündete das Gericht in Muğla schließlich sein Urteil: mehrfach lebenslängliche Haftstrafen für 34 Angeklagte. Ein Soldat wurde freigesprochen. Der Präsident selbst war Nebenankläger in dem Prozess. Trotz des Urteils hat die Gerichtsverhandlung aber mehr Fragen aufgeworfen, als sie beantwortet.

"Ich bin kein Gülenist, sondern Putschist"

Schlagzeilen in der türkischen Presse machten vor allem die Aussagen des Brigadegenerals Gökhan Şahin Sönmezateş, er soll der Anführer des "Attentat-Teams" gewesen sein. Als ein Richter ihn fragte, ob Sönmezateş ein Putschist sei, antwortete er: "Ich habe an dem Putsch teilgenommen, ich habe an einer Revolution teilgenommen." Er bestritt jedoch, dass er die Absicht hatte, Erdoğan zu töten; stattdessen hätte er den Befehl bekommen, den Präsidenten zu entführen und auf einen Luftwaffenstützpunkt in Ankara zu bringen. Regierungsnahe Medien berichteten von angeblichen finanziellen Verbindungen zwischen dem General und einem prominenten Gülenisten, aber Sönmezateş bestand wiederholt darauf, niemals der Gülen-Bewegung angehört zu haben. "Ich bin kein Gülenist, sondern ein Putschist," sagte er vor Gericht.

Ein weiterer Angeklagter ist der Oberst Şükrü Seymen, der seine Teilnahme an dem Putschversuch gestanden hat. Auch er bestritt, Verbindungen zu Gülen zu haben. Seymen sei zwar ein Putschist, alle anderen Anschuldigungen weise er aber zurück. Ebenso bestritt auch der Major Taner Berber, Gülenist zu sein. Stattdessen sei er Kemalist — und damit Anhänger des streng säkularen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, dessen Weltanschauung nicht entfernter von der islamisch-religiös geprägten Gülen-Bewegung sein kann.

Auch europäische Geheimdienste teilen die Sicht der türkischen Regierung nicht. Sie glauben, dass der Putsch von einer Gruppe Offiziere organisiert wurde, die unterschiedlichen Lagern angehören. Es soll sich um eine Mischung aus Gülenisten, Kemalisten und anderen Regierungsgegnern gehandelt haben – Gülen selbst sei aber nicht involviert gewesen. Zuletzt hatte auch der deutsche Bundesnachrichtendienst die von der türkischen Regierung erzählte Version offen angezweifelt.