In Österreich hat sich die rechtspopulistische FPÖ als Volkspartei etabliert, neben den Konservativen und Sozialdemokraten. So wie die AfD in Teilen Ostdeutschlands. In Frankreich, den USA und Großbritannien dominieren rechte politische Kräfte, Ukip, Trump, der Front National, den politischen Alltag ähnlich.

Dass der Kampf gegen den Rechtspopulismus bislang international beinahe erfolglos blieb, hat auch mit einer grundlegenden Fehlanalyse dieser Bewegungen zu tun. Man muss sie lesen wie frühere revolutionäre Versuche.

Mit dem Brustton der Verachtung etwa donnerte Martin Schulz gegen die AfD: "Eine Schande für Deutschland." Feinde der Demokratie seien die Rechtspopulisten, befand Christian Lindner. "Deplorable", bedauernswert, nannte Hillary Clinton die Wähler von Donald Trump. In der Bewertung der Ideologie der Neuen Rechten haben alle drei damit mehr oder weniger Recht. Doch sie übersehen die zweite, funktionale Dimension des Rechtspopulismus. Für die Demokratie ist er eine Bereicherung.

Wenn ein Kandidat es schafft, gegen zwei mächtige Familienclans, gegen das Establishment der eigenen Partei, gegen das ganz große Geld und gegen beinahe die gesamte publizierte Meinung eines Landes seine Wähler zu erreichen und eine Wahl gewinnen kann, dann ist das ein Sieg für die Demokratie. Dieser Kandidat hieß Donald Trump. Für andere populistische Bewegungen gilt das in Abstufungen ebenfalls. Trump, Le Pen, Gauland und Strache sind antiliberal. Sie sind keine Antidemokraten. So können sie gleichzeitig "erbärmlich" und bereichernd sein.

Die kurzatmigen Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft auf die Wahlsiege der Rechtspopulisten zeigen: Demokratie und Liberalismus werden inzwischen oft deckungsgleich verwandt. Dass die beiden Denkschulen zusammenfanden, ist in Wirklichkeit ein junges Phänomen.

Geburtshelfer des Liberalismus: die Marktwirtschaft

Im antiken Griechenland, dem Geburtsland der Demokratie, war es zum Beispiel üblich, dass Bürgergerichte ganz demokratisch per Mehrheitsentscheid darüber abstimmten, wer die Todesstrafe erhalten sollte. Unabhängige Justiz, Menschenrechte? Nichts da.

Auch deshalb war der Philosoph Platon entschiedener Antidemokrat. Er erkannte die demokratische Wirkmacht für Demagogen und Hetzer. Dass sein Freund und Förderer Sokrates, der von einem zornigen Volksgericht der Gotteslästerung schuldig befunden wurde und den Schierlingsbecher leeren musste, half sicher nicht. Eine attische Demokratie würde die Mehrheit heute als vulgärdemokratisch und totalitaristisch empfinden: eine Diktatur der Mehrheit. Für manchen Populist wäre sie wohl ein Traum: Auch deshalb will die AfD Volksentscheide auf Bundesebene.

Der Liberalismus kam später als die Demokratie zur Welt. Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert drehte der Zeitgeist. Dessen Aufgabe war es von da an, das Individuum zu schützen. Auch vor den demokratischen Übergriffen der Mehrheit. Also genau das Rad, das die Rechtspopulisten so gerne zurückdrehen wollen, zum Beispiel, indem sie Minderheitenrechte beschneiden.

Die "Globalisierungsverlierer"

Der Klebstoff zwischen den beiden, Liberalismus und Demokratie, war die Marktwirtschaft. Es ist kein Zufall, dass die liberalen Quantensprünge, die Bill of Rights, Thomas Hobbes, John Locke und John Stuart Mill, zeitlich und örtlich zusammenfiel mit den ratternden Dampfmaschinen, den rauchenden Eisenbahnen und Fabrikschloten.

Und so ist es auch kein Zufall, dass das Auseinanderfallen von Liberalismus und Demokratie, dessen Symptom die Rechtspopulisten sind, eingeleitet wurde davon, dass sich die Marktwirtschaft als Erstes aus diesem Trio verabschiedete. Arbeit, Konkurrenz, Lohngefälle wurde ebenso globalisiert und monetarisiert wie Kultur und Identität. Und wer nicht mitkann oder will, bleibt heimatlos zurück. "Globalisierungsverlierer" ist das Über-Label, das den Wählern von Trump, Le Pen und Gauland gerne angehängt wird.

Diese Bewegungen sind eine politische Ermächtigung all jener, die sich ob zu Recht oder zu Unrecht, nicht mehr abgeholt fühlen. Proletarier aller Länder vereinigen sich – nur nicht wie in der linken Zukunftsutopie unter dem Banner des Kommunismus. Sondern in autoritären, rechtspopulistischen Bewegungen. Für die AfD gilt das weniger, sie ist bürgerlicher als ihre antiliberalen Gegenstücke in Österreich, Frankreich oder den USA.