Wenige Stunden vor dem Zusammentritt des katalanischen Parlaments hat die spanische Zentralregierung den Regionalpräsidenten Carles Puigdemont zum Verzicht auf eine Unabhängigkeitserklärung gedrängt. Regierungssprecher Íñigo Méndez de Vigo sagte in Madrid, er bitte Puigdemont, "nichts Unumkehrbares zu tun". Der katalanische Regionalpräsident solle keinen "Weg einschlagen, von dem es kein Zurück gibt", keine einseitige Unabhängigkeitserklärung verkünden und "zur Legalität zurückkehren".

In Barcelona wurden vor Beginn der Sitzung des Regionalparlaments starke Sicherheitskräfte zusammengezogen. Die Umgebung wurde für den Verkehr gesperrt. Kurz nach Eröffnung der Debatte ist eine Rede von Puigdemont geplant, in der dieser die Unabhängigkeit der nordspanischen Region erklären könnte. Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy will nach eigenen Angaben am Mittwoch mit einer eigenen Rede vor dem spanischen Parlament antworten. Zuletzt hatte er den Katalanen mit dem Entzug ihres Autonomiestatus gedroht.

Druck aus In- und Ausland

Diese wiederum berufen sich bei ihren Sezessionsbestrebungen auf das Unabhängigkeitsreferendum vor gut einer Woche. Etwa 90 Prozent hatten für die Unabhängigkeit gestimmt – allerdings hatte sich nicht einmal jeder zweite Wahlberechtigte an der Abstimmung beteiligt, die von der spanischen Justiz als rechtswidrig eingestuft worden war. Zuletzt demonstrierten Hunderttausende Menschen gegen eine Loslösung Kataloniens von Spanien.

Auch deshalb wuchs aus dem In- und Ausland der Druck auf die Regionalregierung, von einer Unabhängigkeitserklärung abzusehen. Die EU-Kommission rief erneut beide Seiten zu Gesprächen auf, um "die Konfrontation so schnell wie möglich zu beenden und einen Dialog zu starten". Ähnlich klang der Appell von Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau, die beide Seiten an den Verhandlungstisch wünschte.   

Keine Vermittlung durch die EU

Puigdemont hatte sich in den vergangenen Tagen intensiv um eine internationale Vermittlung bemüht, sich aber nur Absagen eingehandelt. So erklärte die EU mehrmals, der Streit sei eine innerspanische Angelegenheit und müsse auch dort gelöst werden. Auch die Zentralregierung um Rajoy sperrte sich gegen eine internationale Vermittlung, zu der beispielsweise die Schweiz bereit gewesen wäre. Er fordert als Vorbedingung für Gespräche den Verzicht auf die Ausrufung der Unabhängigkeit. Erst dann könne etwa über eine Besserstellung Kataloniens im Interessensausgleich zwischen den spanischen Regionen und der Zentralregierung gesprochen werden.

Spanien ist die viertstärkste Wirtschaft der Euro-Zone. Turbulenzen in dem Land würden nicht ohne Auswirkungen auf den Rest der Europäischen Union bleiben. Nach Auffassung von EU-Beobachtern wäre Katalonien bei einer Abspaltung von Spanien nicht mehr Teil der Union. Nachbeben werden auch auf politischer Ebene befürchtet. So könnten sich Separatisten in anderen europäischen Ländern wie in Belgien oder in den Balkanstaaten dazu ermuntert fühlen, ebenfalls aus ihren jeweiligen staatlichen Gefügen auszubrechen.