Die radikalislamische Miliz "Islamischer Staat" (IS) ist in ihrer einst wichtigsten syrischen Stellung in Rakka offenbar geschlagen. Von den USA unterstützte kurdische und arabische Kämpfer hätten den Ort vollkommen unter ihre Kontrolle gebracht, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die Beobachtungsstelle hat ihren Sitz in London, aber vor Ort viele Informanten. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. 

Die Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) meldeten ihrerseits, sie hätten die letzten Bastionen des "Islamischen Staats" in der Stadt eingenommen. Brigadegeneral Talal Sillo sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur AP, in der Stadt werde nicht mehr gekämpft. Eine formelle Erklärung werde folgen, wie es sich für "den Fall der Hauptstadt des Terrorismus" gehöre.  

Die Stadt werde nun nach Landminen und extremistischen Schläferzellen durchkämmt, sagte Sillo. Unklar ist, ob und wo sich noch IS-Kämpfer aufhalten. Nach der Befreiung des Krankenhauses sowie der Einnahme des bedeutenden Naim-Platzes hatten sich einige Kämpfer noch bis zuletzt im Stadion verschanzt. Einst hatte die Terrormiliz das Stadion als Gefängnis genutzt. Auf dem Naim-Platz hatte der "Islamische Staat" öffentliche Hinrichtungen abgehalten. In den vergangenen Tagen haben sich nun Hunderte syrische Kämpfer ergeben.

Reporter der Nachrichtenagentur Reuters beobachteten, wie im Stadion Rakkas die Flagge der kurdischen YPG-Miliz gehisst wurde. Die YPG stellt die stärkste Einheit innerhalb der SDF, die den IS seit Juni in Rakka bekämpfte. Auf den Straßen feierten SDF-Kämpfer ihren Sieg. Schüsse waren nur noch vereinzelt zu hören.

Kampf gegen 300 Islamisten

Der IS hatte Rakka 2014 erobert. Die Stadt galt jahrelang als inoffizielle Hauptstadt der Extremisten. Zusammen mit Mossul im Irak bildete sie eine der zentralen Achsen in dem vom IS ausgerufenen Kalifat. Aus Mossul wurden die Islamisten im Sommer vertrieben.

Von Rakka aus wurden zahlreiche Angriffe und Anschläge im Ausland geplant. Doch seit diesem Jahr befindet sich der IS auf dem Rückzug. In Syrien wurde die Miliz weitgehend in ein Gebiet am Euphrat und in die umliegende Wüste zurückgedrängt.

Seine letzte große Offensive gegen den IS hatte der SDF am Sonntag gestartet, nachdem eine Gruppe von syrischen Dschihadisten Rakka im Zuge eines mit Stammesältesten ausgehandelten Evakuierungsabkommens verlassen hatte. Zurückblieben waren bis zu 300 Islamisten, die die letzten IS-Stellungen in Rakka verteidigen wollten.

Wer regiert die Stadt künftig?

Einst lebten in Rakka rund 300.000 Menschen, die meisten von ihnen sunnitische Araber. Auch Kurden und armenische Christen lebten in der Stadt. Die meisten von ihnen flohen, als der IS in der Stadt einrückte.

Es stellt sich die Frage, wer nach dem Abzug des IS in der Stadt regieren wird. Gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die den Großteil der SDF-Kämpfer stellen, gibt es in der arabischen Bevölkerung Vorbehalte. Im Wissen darum verkündete die SDF im April, sie werde einen "zivilen Rat" bilden, der die Stadt regieren solle. Nach eigenen Angaben soll er aus Einwohnern und lokalen Würdenträgern der Provinz Rakka bestehen und sich um die Sicherheit sowie das Justiz-, Bildungs- und Gesundheitswesen kümmern.

Auch ist unklar, was mit den einstigen Bewohnern Rakkas geschieht. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Save the Children sind rund 270.000 Menschen aus der Stadt geflohen und benötigten dringend Hilfe. Die humanitäre Krise sei dramatischer als je zuvor, sagte die Syrien-Direktorin der Organisation, Sonia Khush. Tausende Menschen erreichten jeden Tag die Flüchtlingslager, die bereits völlig überfüllt seien. Wasser, Nahrung und Medikamente seien knapp.

Aufgrund der Zerstörung der Stadt könnten die Menschen nicht einfach nach Rakka zurückkehren, so die Organisation weiter. Vermutlich müssten sie Monate oder Jahre in den Camps leben.