Aus dem Gerichtssaal am Supreme Court in Washington waren am vergangenen Dienstag dramatische Worte zu hören. Was hier auf dem Spiel stehe, so der Anwalt Paul Smith in seiner Eröffnungsrede, sei nichts Geringeres als der Kern der Demokratie selbst. Auch Ruth Bader Ginsburg, die inzwischen 84-jährige liberale Richterin, die mit ihrer vom Alter gebeugten Haltung während der Anhörungen oft gelangweilt wirkt, hielt sich in ihrer Einschätzung nicht zurück. "Worum es hier wirklich geht, ist das wertvolle Recht, zu wählen", unterbrach sie einen Kollegen, als der ihr zu technisch wurde.

Grund der Aufregung: Seit dieser Woche verhandelt das Oberste Gericht einen extremen Fall von Gerrymandering – jener Praxis von Parteien, die Wahlbezirke in den USA neu zuzuschneiden, um das politische Gewicht zu verschieben. Das Gericht soll entscheiden, ob das Verfahren, das durch das Mehrheitswahlrecht in den USA möglich ist, verfassungswidrig ist. Außerdem soll es feststellen, ob es einen objektiven Maßstab gibt, nach dem ermittelt werden kann, wann die Politiker zu weit gehen. Der Ausgang, mahnen Befürworter wie Gegner, werde Konsequenzen für Wahlen im ganzen Land haben. In vier Jahren müssen die Wahlbezirke in den USA neu bestimmt werden. Es drohe ein regelrechtes "Gerrymandering-Fest, wie wir es noch nicht erlebt haben", warnte Smith.

Auslöser für den Streit war der Bundesstaat Wisconsin. Nach den Kongresswahlen 2010, in denen die Republikaner dank der Tea-Party-Bewegung spektakuläre Gewinne gefeiert und den Demokraten Sitze auf allen Ebenen abgerungen hatten, fand sich die Partei in einer komfortablen Situation wieder: Die Konservativen hatten nicht nur die Kontrolle über die Parlamentskammer und stellten den Gouverneur. Zugleich stand auch das erste Mal seit zehn Jahren eine umfassende Wahlkreisreform an. Die Republikaner nutzten das, um die Wahlkreise neu zu definieren und dabei zum eigenen Vorteil zu verformen. Das Ergebnis sei "ungeheuerlich" gewesen, sagt Keith Gaddie, Wahlexperte an der Universität von Oklahoma, der die Partei in Wisconsin damals mit Daten und Statistiken beraten hatte.

"Es war der perfekte Sturm"

Plötzlich konzentrierten sich die demokratischen Wähler auf eine Handvoll von Wahlkreisen, während die Republikaner im restlichen Bundesstaat eine deutliche Mehrheit hatten. Die Rechenspiele zahlten sich aus: Bei den Wahlen 2012 erhielt die Partei zwar nur 48,6 Prozent der Stimmen, sicherte sich aber aber 60 der 99 Sitze in der Kammer. Aus einem Swing State, der in der Vergangenheit mal an die Republikaner, mal an die Demokraten gegangen war, wurde eine Hochburg der Konservativen. Die Eingriffe in Wisconsin seien "die extremsten in der modernen Geschichte", urteilten die Wahlexperten Nicholas Stephanopolous und Eric McGhee, die die Verzerrungen untersucht haben, nun vor Gericht.

Doch das Problem beschränkt sich nicht auf Wisconsin. Nach 2010 hatten die Republikaner die Kontrolle über die Neuordnung von Wahlbezirken in 21 Bundesstaaten, die Demokraten in acht. "Es war der perfekte Sturm, der es den Republikanern ermöglichte, ihre Position festzuzurren", sagt Keith Gaddie.

Laut einer Analyse der Associated Press haben die Republikaner bei den Kongresswahlen 2016 allein durch das Gerrymandering bis zu 22 Sitze im Repräsentantenhaus mehr gewonnen, als statistisch erwartbar gewesen wäre – was ihnen zu einer komfortablen statt nur einer knappen Mehrheit verholfen habe.

Immer bessere Wählerdaten und Software verschärfen das Problem. Inzwischen können die Parteien Tausende verschiedener Szenarien durchrechnen und ermitteln, welche Aufteilung die größtmöglichen Vorteile für den eigenen Stimmenanteil schafft. Die Ergebnisse ließen sich in den vergangenen Tagen auf Twitter begutachten: Dort hatten frustrierte Bürger Bilder ihrer verzerrten Wahlkreise gepostet, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Experten wie Gaddie verweisen jedoch darauf, dass es sich um ein Problem handle, das mit links und rechts nichts zu tun habe. "Wären die Demokraten damals in der Situation gewesen, dann hätten sie es genauso gemacht", glaubt er.