Im Moment seiner großen Niederlage war Bernie Sanders zum Optimismus gezwungen. "Zusammen haben wir eine politische Revolution zur Umgestaltung Amerikas auf den Weg gebracht. Und diese Revolution geht weiter", rief er den Zuschauern in Portsmouth, New Hampshire, zu. Das war im Juli 2016, Sanders hatte Sekunden zuvor auf der Bühne seiner Konkurrentin Hillary Clinton offiziell zum Sieg bei den Vorwahlen der Demokraten gratuliert. Er presste die Lippen zusammen. Sie strahlte. Ein paar Monate später sollte Clinton dann zur US-Präsidentin gewählt werden, so war es abgemacht, und Sanders hätte sie fortan im Senat von links kritisiert. Doch es kam anders.

Sanders' Revolution war vorbei, bevor sie begonnen hatte. Und seit Donald Trump im Weißen Haus sitzt, scheint für Visionen noch viel weniger Platz zu sein. Ein Jahr nach der Wahl kämpft der Senator aus Vermont, mittlerweile 76 Jahre alt, daher an verschiedenen Fronten: Gegen den "schlimmsten und gefährlichsten Präsidenten in der Geschichte der USA", wie Sanders es selbst formulierte. Gegen eine Stagnation der Demokratischen Partei, der er sich zwar weiter nicht anschließen will, und dere einziger echter linker Hoffnungsträger er dennoch ist. Und natürlich kämpft Sanders auch dafür, dass die von ihm viel beschworene sozialistische Graswurzelbewegung weiter wächst.

Sanders reist quer durch den Kontinent, von Puerto Rico über Atlanta und New York City nach Kanada. Er hört sich die Sorgen von Katastrophenopfern, Fabrikarbeitern und Lokalpolitikern an. Er predigt kostenlose Hochschulbildung, gerechte Löhne und eine staatliche, steuerfinanzierte Krankenversicherung. Zurück in Washington ist er dann mit Trumps alltäglichem Wahnsinn beschäftigt. Den Umfragen nach gelingt ihm dieser Balanceakt recht gut: Sanders ist weiterhin der beliebteste Politiker des Landes.

Sozialismus, das macht die Jungen nicht nervös

"Das S-Wort: Wie junge Amerikaner sich in den Sozialismus verliebten", schrieb der Guardian neulich. Eine "Rückkehr des Demokratischen Sozialismus" erkennen auch andere Medien und führen das direkt auf Sanders zurück. Tatsächlich sind linkspositionierte Gruppierungen in den vergangenen zwölf Monaten stark gewachsen. Die von Sanders' Kampagne inspirierte Organisation Our Revolution, die "progressive Politiker im ganzen Land unterstützt", hat mittlerweile über 400 Ortsgruppen. Die Democratic Socialists of America (DSA) konnten ihre Mitgliederzahl innerhalb eines Jahres von 5.000 auf 30.000 steigern und sind damit die größte sozialistische Vereinigung in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg. Das linke Magazin Jacobin, von Bhaskar Sunkara vor ein paar Jahren in einem Studentenwohnheim gegründet, hat inzwischen eine Auflage von 36.000 Heften und ist zur respektierten Größe in der US-amerikanischen Intellektuellenwelt gewachsen. Andere altlinke Publikationen wie Dissent und The Nation haben den Staub abgeschüttelt und gewinnen plötzlich wieder an Reichweite.

Die nach 1989 geborenen Amerikaner, die den Kalten Krieg nie heiß erlebt haben, macht der Begriff Sozialismus kaum nervös. Im Gegenteil: Kapitalismus bereitet ihnen zunehmend Angst. Der Diskurs hat sich geöffnet und mit Sanders verkörpert ein einflussreichen Politiker die Alternativen.

Sanders – der weiße, weise Übervater des aktuellen Widerstandes? Vieles von dem, was sich derzeit in den USA links der Mitte aufbaut, wird reflexartig mit ihm verknüpft. Ein sozialdemokratischer Lokalpolitiker gewinnt eine Wahl, wie gerade erst in Virginiathanks, Bernie! Linke Medien blühen auf – das muss Sanders' Spirit sein. Doch dieses Narrativ ist so simpel wie ungenau. 

"Bernie Sanders ist vielmehr Symptom als Ursache. Er konnte während seines Aufstiegs vom jahrelangen linken Aktivismus profitieren", sagt die Journalistin und Autorin Sarah Jaffe. In ihrem Buch Necessary Trouble – Americans in Revolt, das im vergangenen Jahr erschien, beschreibt Jaffe die Genese sozialer Bewegungen wie Occupy Wall Street und Black Lives Matter. "Die Tatkraft an der Basis ist großartig, und es wäre ein Fehler, diese Energie Sanders zuzuschreiben. Wir erleben einen viel breiteren politischen Wandel, der schon lange Zeit erwartbar war", sagt Jaffe. Die zentrale Rolle bekäme Sanders demnach mehr von Journalisten als von Aktivisten zugeschrieben. Sanders' Einfluss will jedoch auch Sarah Jaffe nicht auf Null reden. "Viele junge Menschen, die keinen Namen für ihre Überzeugungen hatten, sprechen jetzt von Sozialismus. Manche von ihnen hauchen bereits bestehenden Kampagnen neues Leben ein", sagt Jaffe.

Berlin - "Unsere Aufgabe ist es, einander beizustehen" Bernie Sanders stellt in Berlin sein Buch "Unsere Revolution" vor. Eine Veranstaltung unter Mitwirkung des ZEITmagazins. © Foto: ZEIT ONLINE