Das Foto einer Wahlurne und eine Kurznachricht auf Twitter – das ist die letzte Botschaft des abgesetzten katalanischen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont. "Ein Monat nach dem katalanischen Referendum. Trotz der vergangenen und jetzigen Drohungen arbeiten wir weiter. Auf dieses Volk kann man stolz sein." Der Vernehmung vor dem Obersten Gerichtshof in Madrid blieb Puigdemont am Donnerstag erwartungsgemäß fern.

Sein belgischer Anwalt Paul Bekaert teilte in einem Kommuniqué mit, sein Klient werde nicht nach Madrid reisen. Dort erwarte ihn kein gerechtes Verfahren. Am Abend hat das Gericht in Madrid gegen den wegen Rebellion, Anstiftung zum Aufruhr und Vertuntreuung öffentlicher Gelder angeklagten Politiker einen europäischen Haftbefehl erlassen.

Puigdemont kann sich also angesichts seiner "Reise" nach Brüssel bestätigt fühlen. Für acht seiner ehemaligen Regierungsmitglieder, die am Donnerstag vor Gericht erschienen, wurde Untersuchungshaft verhängt – ohne Option der Freilassung auf Kaution. Er hingegen ist auf freiem Fuß. Noch.

Eine knappe Woche nach Ausrufung der katalanischen Republik weilt das Oberhaupt im Ausland. Die politischen Tagesgeschäfte in Katalonien werden geräuschfrei von Madrid erledigt. Statt in Streiks und Blockaden gegen die Zwangsverwaltung nach Artikel 155 zu protestieren, gehen die Dinge bisher ihren gewohnten Gang.  

Pünktlich zum Beginn der Vernehmung vor der Audiencias Nadional hat die Assemblea Nacional zur Demonstration aufgerufen. Der Protest ist routiniert, vor dem Palau de la Generalitat schwenken ein paar hundert überwiegend ältere Menschen die besternten Fahnen der Unabhängigkeitsbewegung.   

Ein grau melierter Herr lässt sich von einem der verbliebenen internationalen TV-Teams interviewen: "Wenn mein Präsident freiwillig ins Exil geht, dann beweist das doch, dass er für unsere Sache bis zum Äußersten gehen will." Die Sehnsucht nach einem Helden, einem Widerstandskämpfer, ist im harten Kern der Unabhängigkeitsbefürworter groß, größer als die offensichtlichen Anzeichen von Normalität.

Im Tunnel das Auto gewechselt

Carles Puigdemont hat es immer verstanden, diese Sehnsucht zu bedienen. Aktuell damit, dass er sich nach Belgien abgesetzt hat, oder davor, in Katalonien, mit klandestinen Gesten. In den sozialen Netzwerken kursiert ein Video, das zeigt, wie der Präsident am 01. Oktober in James-Bond-Manier in einem Tunnel das Auto wechselt, um die Nationalpolizei abzuhängen und beim verbotenen Referendum abstimmen zu können. In seinen Auftritten vor dem katalanischen Parlament, vor der Presse, auf Twitter hat Carles Puigdemont das harte Durchgreifen der spanischen Politik und Justiz vor, während und nach dem verbotenen Referendum immer wieder mit dem Verhalten eines "autoritären Staates" verglichen und so Bezüge zur Franco-Diktatur geknüpft

Das ist kein rhetorischer Kunstgriff, sondern entspricht tatsächlich seiner Überzeugung. Spanien habe seine Altlasten aus der fast vierzigjährigen Diktatur nie überwinden wollen, erzählt Puigdemonts in Interviews. Er habe bereits mit 15 Jahren erkannt, dass mit Spanien kein Staat zu machen sei. "Alle Versuche, von Katalonien aus Spanien zu einem progressiven Staat, zu einer Republik, zu einer echten Demokratie zu reformieren, sind gescheitert."

Carles Puigdemont ist ein Unabhängigkeitsbefürworter der ersten Stunde. Das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in seiner Partei, der ehemaligen Convergència und heutigen PdeCat. Sein Amtsvorgänger Artur Mas sah in der Unabhängigkeitsbewegung nach den gescheiterten Verhandlungen über eine Neufinanzierung der autonomen Region 2012 in erster Linie ein Druckmittel gegenüber der Zentralregierung in Madrid.

Der überzeugte Republikaner Puigdemont dagegen hatte bereits in den neunziger Jahren an die Machbarkeit einer katalanischen Republik geglaubt. "Für Carles war die Republik ein Fernziel", erzählt Carles Porta. Der Filmemacher kennt "Puigi" seit seinen Studienjahren und ist einer seiner wenigen engen Freunde. "Ob sie in 15 oder 300 Jahren ausgerufen werden würde, das hat in unseren Gesprächen nie eine Rolle gespielt." Die Dynamik der katalanischen Politik habe ihn in gewisser Weise überrollt.