Es war Dienstag, der 8. November 2016, Amerika wählte – und die ZEIT produzierte, wie immer dienstags, ihre neueste Ausgabe. Alle vier Jahre dasselbe Ritual: Man meint als Journalist, zu wissen oder wenigstens zu ahnen, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird, und muss doch darauf vorbereitet sein, dass es ganz anders kommen kann. Denn wenn die US-Fernsehsender irgendwann in der Nacht verkünden: "The next president is ....", dann bleiben uns bis zum Andruck der Zeitung maximal ein, zwei Stunden, um die "siegreiche" Variante der vorgeschriebenen Texte zu aktualisieren, in Form zu bringen und ins Blatt zu heben.

Ich habe als Journalist viele solcher Wahlabende begleitet: 1992, als der Demokrat Bill Clinton den amtierenden republikanischen Präsidenten George H. Bush aus dem Feld schlug; 1996, als Clinton wiedergewählt wurde; 2000, als Al Gore zwar eine halbe Million mehr Wählerstimmen als George W. Bush einsammelte, dann als Folge des komplizierten, aber entscheidenden Wahlmännersystems unterlag. Alles lag an der Auszählung im Bundesstaat Florida, wochenlang wusste man nicht, ob am Ende Bush oder Gore ins Weiße Haus einziehen würde, bis der Supreme Court ein bis heute äußerst umstrittenes Machtwort sprach.

Dann 2004 Bushs Wiederwahl, als man fast bis zur letzten Sekunde, bis die Ergebnisse aus dem Bundesstaat Ohio eintrudelten, dachte, sein demokratischer Herausforderer John Kerry hätte die Mehrheit der Wahlmänner und damit das Rennen gemacht. Schließlich 2008, die Wahl Barack Obamas und sein erneuter Sieg 2012; diese beiden Abende habe ich hautnah als USA-Korrespondent erlebt.

Und dann der 8. Januar 2016: Ich war zur Unterstützung unserer Berichterstattung nach Washington, D. C., gereist und verbrachte den Wahlabend mit meinem Laptop im Fernsehkeller amerikanischer Journalistenfreunde am Rande der Hauptstadt. Mein Porträt über Hillary Clinton war fertig, ich war mir ziemlich sicher, sie würde die 45. Präsidentin werden. Ein Sieg Donald Trumps schien außerhalb jeder Vorstellungskraft und nach allen Umfragen und mathematischen Wahrscheinlichkeiten so gut wie unmöglich.

Auf einmal färbte sich alles rot

Alles sah nach einem entspannten Abend aus, mit Chips und Cola. Die ersten Ergebnisse schienen die Prognosen auch zu bestätigen. Wolf Blitzer, John King und Anderson Cooper vom Fernsehsender CNN liefen ständig vor einer riesigen, ziemlich rotgefärbten (Rot ist die Farbe der Republikaner) elektronischen Landkarte hin und her und erklärten, das dies noch nichts zu sagen habe. Die wahlentscheidenden Regionen würden im Laufe des Abends die blaue Farbe der Demokraten annehmen. Clintons Wähler säßen vor allem in den Metropolen, den großen Bevölkerungszentren, dort brauche man länger zur Stimmenauszählung.

Ich zappte zwischen den Fernsehsendern hin und her, mal zum liberalen MSNBC, mal zum konservativen Fox News – überall derselbe Sound. Doch plötzlich, ich weiß nicht mehr genau um wieviel Uhr, stockte den unablässig analysierenden Moderatoren der Atem, brachen ihre Stimmen, blickten sie ungläubig auf die riesige Landkarte und rangen nach Erklärungen.

Auf einmal färbten sich Wahlkreise rot, die vor vier und vor acht Jahre noch für Obama gestimmt hatten. Mindestens ebenso fatal für Hillary Clinton: Sie holte zwar die großen Städte und liberalen Zentren Amerikas, aber nicht mit dem Vorsprung, den sie brauchte – und mit dem fast alle Beobachter gerechnet hatten. Die allgemeine Clinton-Fatigue, der Clinton-Verdruss, den viele spürten, aber nicht wirklich wahrhaben wollten, forderte seinen Preis. Florida ging verloren, Ohio, Michigan, dann sogar Pennsylvania und Wisconsin. Am Ende hatte Hillary Clinton zwar fast drei Millionen Stimmen mehr als ihr Gegner Donald Trump, doch der gewann die alles entscheidende Mehrheit im Wahlmännergremium.

Irgendwann zwischen 22 und 23 Uhr Ostküstenzeit war klar: Donald Trump wird der 45. Präsident Amerikas. Ich schaltete hektisch meinen Laptop ein, warf meinen Artikel über die Siegerin Clinton, über ihre Politik und das Programm ihrer Präsidentschaft in den Papierkorb und kramte eilig den Text hervor, den ich am Morgen des Wahltags, wenn auch eher ungläubig, ebenfalls in groben Zügen fertiggestellt hatte: über die Niederlage der Demokraten und die tiefe Schmach, einen für sicher geglaubten Erfolg verspielt und ausgerechnet gegen einen Mann wie Trump verloren zu haben.

Ich habe mit meinen Einschätzungen des Wahlausgangs danebengelegen. Und es ist wenig tröstlich, dass dies so gut wie allen Journalisten widerfuhr, dass selbst Trump nicht an seinen Sieg glaubte. Völlig verdutzt, geradezu erschrocken traten er, seine Familie und engsten Berater in der Nacht in New York vor ihre Anhänger.