Es läuft gerade nicht gut für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Gemeint sind nicht etwa die Reformen in Frankreich, da sieht es sogar gut aus. Diese Woche verabschiedete die Pariser Nationalversammlung ein ganzes Paket an Sozialreformen, unter anderem eine lange diskutierte Reform der Sozialabgaben, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer weniger belastet, dafür für aber Steuern anhebt. Auch die Rentner zahlen bald mehr als früher. Trotzdem bleibt das Land ruhig. Proteste, wie es sie bei solchen Reformen sonst immer gegeben hat? Fehlanzeige.

Düster steht es eher um seine Europapläne. "Macron fährt gerade eine eine Doppelstrategie", sagt Sébastien Maillard, Leiter des unabhängigen Pariser Jacques-Delors-Instituts, einem proeuropäischen Pariser Thinktank. "Der Präsident macht zu Hause konservative und liberale Politik und setzt gleichzeitig in Europa linke Akzente." Macrons Grundidee: Er will Frankreich reformieren und nordeuropäischen Partnern wie Deutschland annähern – auch wenn es wehtut. Gleichzeitig verlangt er auf europäischer Ebene mehr Solidarität. Deshalb sein Vorstoß für einen Haushalt der Eurozone. Mit mindestens 100 Milliarden Euro pro Jahr sollen dafür sorgen, dass künftige Krisen in Europa gemeinsam gemeistert werden.

Macrons Gegner heißt FDP

Diese Doppelstrategie droht jetzt zu scheitern, weil Europa, allen voran Berlin, nicht mitmacht. Macron hatte es schon Anfang September so vorausgesehen: "Wenn sie sich mit den Liberalen verbündet, bin ich tot", soll der Präsident über eine Koalition von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der FDP laut Le Monde gesagt haben. Nun aber bestätigte FDP-Chef Christian Lindner noch einmal, dass er für Macrons Europa-Idee nichts übrig hat: "Kein neuer Währungsfond, in den Deutschland 60 Milliarden einzahlt und alle sich bedienen", sagte Lindner im ZDF-Talk bei Maybrit Illner am Donnerstagabend. Damit machte der FDP-Chef zum wiederholten Mal klar: Einen Euro-Haushalt wird es mit ihm nicht geben. "Wird FDP-Lindner der neue Schäuble?" fragte anschließend Bild.

Der natürliche Verbündete in Sachen Europa, die Grünen, halten sich zurück: "Wir sind nicht Pressesprecher Macrons", grenzte sich Grünen-Chef Cem Özdemir im ZDF-Talk ab. Die Europa-Expertin der Grünen, Franziska Branter, unterstützt Macron. Die EU-Kommission habe erst Anfang Oktober einen Plan für einen Mehrwertsteuerreform vorgelegt, der 150 Milliarden Euro an Mehreinnahmen vorsehe, sagt sie. Doch in den Berliner Sondierungsgesprächen spielt das keine Rolle. Macron werde nur als Blender oder Schönredner wahrgenommen, sagt Brantner. Man wolle ihn in Berlin nicht beim Wort nehmen.

Dabei hatte sich der französische Präsident auf die laufenden Koalitionsverhandlungen sorgfältig vorbereitet. Er hielt seine inzwischen berühmte Europa-Rede in der Sorbonne-Universität in Paris nur zwei Tage nach der deutschen Bundestagswahl. Er terminierte sie genau so, dass ihm die neuen Koalitionäre in Berlin zuhören und, so hoffte er, folgen würden. War das naiv?

Überraschender Besuch in Berlin

"Ich vertraue auf Merkel", sagt der erfahrene Pariser Außenpolitikexperte Dominique Moïsi vom Französischen Institut für Internationale Beziehungen (IFRI). Er rät Macron, "nichts mehr zu sagen und zu tun", was die Verhandlungen in Berlin beeinflussen könne. Damit würde er sich nur den Vorwurf einhandeln, auf die Verhandlungen Einfluß nehmen zu wollen. Einen neuen deutsch-französischen Kompromiss für Europa als Antwort auf die Gefahren von Populismus und Separatismus hält Moisi weiterhin für möglich. Trotzdem bleibt er skeptisch: "Bisher war nicht das Problem, dass Deutschland zu stark, sondern Frankreich zu schwach war. Jetzt ist nicht das Problem, dass Frankreich zu ehrgeizig, sondern Deutschland nicht ehrgeizig genug ist."

Für kommenden Mittwoch hat sich sein Wirtschaftsminister Bruno Le Maire unvorhergesehen in Berlin angemeldet. Er werde Gespräche mit Christian Lindner, Cem Özdemir und Peter Altmaier (CDU) führen, teilte das Pariser Wirtschaftsministerium auf Anfrage von ZEIT ONLINE am Freitag mit. Die Gespräche ständen im Zusammenhang mit der Europarede des Präsidenten an der Sorbonne. "Der Präsident hat in seiner Rede die hohe Priorität des europäischen Projektes unterstrichen", begründet die Sprecherin des Ministeriums, Chantal Hughes, die Berlin-Reise Le Maires. "Der Minister will mit seinen deutschen Partnern über die Zukunft der Eurozone sprechen. Er kommt sicher nicht, um sich in die deutsche Innenpolitik einzumischen, sondern um sich offen auszutauschen", so Hughes.

Der Überraschungsbesuch des französischen Wirtschaftsministers aber gibt ein deutliches Zeichen: Es läuft gerade nicht gut für Macron, weniger in Paris als in Berlin.