2. November 2017, Tag 1: Es ist kurz nach Mitternacht. Wir warten seit fünf Stunden in einer Transitlounge am Flughafen Kairo. "Flug 607 Kairo-Seiyun" steht auf unseren Tickets von Yemenia Airways. "Departure 2:00 a.m.". Aber noch ist unklar, ob nicht in letzter Minute irgendein Vorwand auftaucht, uns nicht an Bord zu lassen.

Wir – das ist eine Gruppe westlicher Journalisten, Amerikaner, Briten, Franzosen, Deutsche, Schweizer. Die meisten von uns versuchen seit bald zwei Jahren in den Jemen zu reisen, der durch einen Krieg und eine humanitäre Katastrophe zerrieben wird. Häufig sind die Flughäfen des Landes gesperrt und der Landweg zu riskant, oft gibt es einfach kein Durchkommen.

Vor einigen Wochen dann die eine Chance: Das Sanaa Center for Strategic Studies (SCSS), ein unabhängiger Thinktank, hatte sich die Einladung eines Gouverneurs gesichert, in dessen Provinz momentan einigermaßen Ruhe herrscht. Zumindest im Vergleich zum Rest des Landes. Die Gründer und Mitarbeiter des SCSS sind junge Jemeniten, allesamt angesehene Researcher, deren Expertise vom jemenitischen Bankenwesen über die Kriegsökonomie bis zu den Verästelungen der lokalen Stämme reicht. Sie sind waghalsig genug, um an und zwischen den Fronten zu recherchieren. Und sie sind verrückt genug, ein Dutzend Journalisten ins Land zu lotsen. Nur damit wir für ein paar Tage Erfahrungen aus erster Hand sammeln können.

Es ist fast zwei Uhr morgens, als das Flugzeug abhebt – wir sitzen drin. Gegen 6.30 Uhr Ortszeit landet Yemenia Airways Flug 607 zwischen gigantischen Tafelbergen auf dem Flughafen von Seiyun in der Provinz Hadramaut.

Von nun an gilt: Keiner von uns twittert, postet oder veröffentlicht irgendetwas über diese Reise, solange wir im Land sind. Wir sind auffällig genug, auch wenn sich die Journalistinnen in der Gruppe, darunter ich, nun in schwarze Abajas und Hidschabs hüllen müssen. Wir wollen vermeiden, dass unsere Aufenthaltsorte in den sozialen Medien verfolgt werden können. Al-Kaida ist in dieser Gegend immer wieder aktiv.

Der Gouverneur hat ein Empfangskomitee geschickt: Zwei Pick-up-Trucks mit Milizionären und mehrere kugelsichere Geländewagen mit Fahrern. Die 400 Kilometer lange Strecke von Seiyun nach Marib, unserem Zielort, sei sicher, sagt man uns. Jedenfalls mit bewaffneter Eskorte.

Najj heißt der Fahrer des Wagens, in dem ich sitze. Die Kalaschnikow zwischen Sitz und Gangschaltung geklemmt, erklärt er während der Fahrt die lokale Architektur der Region, die Preisschwankungen beim Benzin und er redet über sein früheres Leben als Händler in Abu Dhabi.

Wir fahren weiter raus, die Berge werden flacher, wir sehen Ziegen- und Schafherden. Die Tiere werden gehütet von Frauen mit armhohen Strohhüten auf dem voll verschleierten Kopf zum Schutz vor der Hitze. Es sind milde 30 Grad, Herbsttemperaturen.

Nach vier Stunden erreichen wir die Stadt Marib. Das Hotel, in dem wir unterkommen, hat seine beste Zeit hinter sich, das Personal ist seit Jahren keinem Ausländer mehr begegnet. Es gibt fragende Blicke: Sind wir echt? Dann großes Strahlen aufseiten der Jemeniten, müdes Lächeln auf unseren Gesichtern. Wir sind mittlerweile 20 Stunden auf den Beinen, können kaum noch stehen. Egal. Der Gouverneur wartet.